Die Social Media-Ecke der “Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten” in Hamburg war strategisch gut platziert: im Pausenbereich, wo sich die Schreibenden auch mit Kaffee und Tee versorgen konnten. In dieser Ecke hing die Twitterwall. So wurden die Teilnehmer von diesem neumodischen Technikkram nicht beim Schreiben gestört und waren ihm nur ausgesetzt, wenn sie a) den Pausenbereich betraten und b) sich dort aktiv der Wall zuwandten.

Digitale Technologien in Lernen und Lehre – für viele Verantwortliche offensichtlich noch ein rotes Tuch

Für das wissenschaftliche Schreiben, verstanden als Beziehung zwischen dem schreibenden Subjekt und dem im Entstehen begriffenen Text, der sich beim Schreibakt als Ausdruck erworbenen Wissens in Schriftzeichen manifestiert, bringt die Einbindung einer Twitterwall ja erst mal nichts; wo “Schreiben” auf die konkrete Situation der Verschriftlichung reduziert wird, sehen Traditionalisten unter Didaktikern und Pädagogen durch Social Media-Spielereien den kontemplativen Aspekt des Schreibens jäh gestört – allenfalls „Kreatives Schreiben“ lässt man hier noch zum Zwecke der Auflockerung zu und dieses dann häufig überraschend unhinterfragt und selbstverständlich – „überraschend“ angesichts der Skepsis, des Widerwillens, der Verweigerungshaltung und der mal mehr, mal weniger offenkundigen Geringschätzung (gar nicht mehr so) Neuen Medien und digitalen Schreib- und Lernumwelten gegenüber einerseits und dem beschränkten Nutzen “kreativen Schreibens” für manche Schreibenden andererseits.

“Kreatives Schreiben” wird überhöht, digitales Schreiben geschmäht

Dass “kreatives” und wissenschaftliches Schreiben nicht das selbe sind, ist gemeinhin bekannt, nur wird oft gerne davon ausgegangen, “kreatives Schreiben” könne für alle Schreibenden von Nutzen sein und deswegen bewirbt man es gerne. Der Unterschied zwischen beidem ist auch Studierenden klar und daher muss man erst mal erklären, warum man bei schreibdidaktischen Maßnahmen Zeit auf “kreatives Schreiben” ver(sch?)wendet. Es mag ja durchaus sein, dass “kreatives Schreiben” Impulse für das akademische Schreiben zu liefern vermag, aber da ist es ja nun nicht das einzige Pferd im Stall. Warum etwa dem kollaborativen Schreiben oder dem Schreiben in digitalen Umgebungen, die beide einen unmittelbaren kommunikativen Zweck erfüllen, nicht mindestens der gleiche Respekt entgegen gebracht wird wie irgendwelchen semi-esoterischen Schreibexperimenten, entzieht sich meinem Verständnis, zumal die Zukunft in jedem Falle digital ist… Aber genug “ge-rantet” an dieser Stelle, denn eigentlich ist mein Thema heute ein anderes.

Meine “Aufgaben”: Nicht zu progressiv, bitte. Lenkt doch eh nur alles ab.

Wäre meine Aufgabe im Rahmen der #lndah nun also etwa das Anleiten „kreativer Schreibübungen“ gewesen – ich bin nicht sicher, ob ich von den Veranstaltern in diesem Falle auch mahnende Worte mit in die Nacht bekommen hätte, ich solle mich an diesem Abend „auf meine Aufgabe konzentrieren“. (Interessanter Weise bekam ich diesen Hinweis, als ich gerade dabei war, die Frage aus dem versammelten Plenum zu beantworten, wo im Web 2.0 denn lehrreiche Diskussionen stattfinden würden – als wäre dies zu beantworten nicht meine Aufgabe!) Was aber ist dann die Aufgabe eines Ehrenamtlichen, den man neben einen ans Web 2.0 angeschlossenen Riesenbildschirm abstellt? Und wieso hält sich in vielen Köpfen anscheinend die Annahme, dass man, wenn man Zugang zu Internet hat, sofort Gefahr läuft, seine „Aufgaben“ aus dem Blick zu verlieren? Warum kann es nicht sein, dass “Aufgaben” genau damit zu tun haben – mit dem Netz?
Und warum muss man immer wieder erzählen, wer sich im Netz bewegt werde von größtenteils irrelevanter Information weggeschwemmt?

Ich denke, wer mehrheitlich Unsinn im Internet sieht, hat vermutlich nicht genug Medienkompetenz, sich das Netz so zurecht zu biegen, dass es ihn mit relevanten Informationen versorgt. Wer will und kann, lässt den Unsinn links liegen und lässt sich lieber Interessantes zeigen. Das ist möglich und ich würde mir wünschen, dass Bildungseinrichtungen lieber dies vermitteln als ständig die im Personal noch latent vorhandene Aversion gegen alles Digitale. Dazu müsste man Medienkompetenz im institutionalisierten Bildungssektor aber vermutlich erst einmal ernsthaft vermitteln oder zumindest zulassen (wollen) – eine Bereitschaft, die ich (ich spreche stets natürlich nur für meinen eigenen Tätigkeitsbereich) noch nicht voll zu erkennen vermag.

Die Idee der Einbindung sozialer Medien in Schreibprozesse oder die Anreicherung schriftsprachlicher Lernumgebungen mit solchen stößt also nicht automatisch auf Gegenliebe; häufig wird sie allenfalls skeptisch geduldet, zu ihrer lerndienlichen Operationalisierung werden keine konstruktiven Beiträge geleistet (anders als etwa in der Mathematikdidaktik Spannagel’scher coleur). Und auf Seite der Studierenden?

Studenten: Mit Ahnungslosigkeit und Medienskepsis schön auf Linie

Die kindliche Leichtigkeit im Umgang mit digitalen Kommunikationswerkzeugen, die in Grundschulen noch die Einführung von iPads erleichtert (ob man das nun als wünschenswert ansieht oder nicht), ist Studierenden oftmals schon abhanden gekommen. Ein Ergebnis institutionalisierter Bildung, die digitales Arbeiten kaum für ihren gesellschaftlichen Auftrag zu nutzen weiß? Bei der #lndah sah ich: Man ist sich als Studierender auch ohne (letztlich nur wenig glaubwürdige) medienskeptische Mahner darüber im Klaren, dass die Beschäftigung mit digitalen Netzen Zeit frisst. Manche fürchten sich auch vor einer Informationsflut, derer Herr zu werden sie sich nicht in der Lage sehen. Solche Studierende berichteten im Gespräch zwar, dass sie nicht abstreiten wollten, dass Social Media mehr ist als Facebook und dass es neben Zeitfressern auch Lerngelegenheiten bereit halten mag. Sie gestehen aber bisweilen auch ein, dass sie nicht wüssten, wie man diese Lerngelegenheiten nutzt, ohne dabei seine eigentlichen Ziele aus den Augen zu verlieren. In meinem konkreten Kontext: welche Möglichkeiten sich zum digitalen und/oder vernetzten Schreiben bieten und wie man vorher ein tragfähiges Wissensmanagement entwickelt. Mit solchen Anliegen werden viele Studierende, die ich bei der #lndah gesprochen habe, allein gelassen. Unter anderem auch, weil “Schreibzentrumsarbeit” noch viel zu sehr ausschließlich “Schreibzentrumsarbeit” bedeutet und viel zu wenig “Schreibzentrumarbeit und Literacy Management”, eine Bedeutungserweiterung, die (folgt man einer Definition von Gerd Bräuer) auch gleich eine Aufwertung des für Studierende zunehemend wichtigen Wissensmanagements mit sich brächte.

Statt dessen stellt man sich in Schreibzentren und übergeordneten Institutionen zu oft noch NEBEN die oben erwähnten vernetzten Bildschirme (bisweilen mit einer Attitüde als würde man Kindern beim Spielen zusehen) statt in Erwägung zu ziehen, dem Karren könnte nach Erfindung der Schrift, dem Buchdruck und dem Computer mit digitalen Netzen nun endlich ein viertes Rad gewachsen sein.

Doch zurück zur studentischen Perspektive und “meiner Aufgabe” während der #lndah. Auf dem Papier stand, ich solle mich um die Twitter-Wall kümmern, bei Bedarf beraten und die, die im Pausenraum zu lange am Kaffee nuckeln zur Rückkehr zum  Schreiben motivieren. Letzteres war am gesamten Abend nicht nötig – offenbar hatten alle Besucher ausreichend Motivation mitgebracht um nicht bei Chill-Out zu versacken. Beraten habe ich allerdings, nur – ob die studentischen Anliegen, mit denen ich mich da befasst habe auch zu meinen von der Institution vorgesehenen “Aufgaben” gehörten – da bin ich mir nicht so sicher.

Studenten: Mit Erkenntnisinteresse und Aufgeschlossenheit den Verweigerern voraus

Wie sich heraus stellt, zeigen sich Studierende weitaus interessierter an digitalen Lernumwelten, als es von der Institution vorgesehen zu sein scheint. Studierende haben einen Bedarf daran zu erfahren, wie man mit Informationsvielfalt umgeht. Wie man (privat oder öffentlich) digital schreiben kann. Wie man kollaborative Intelligenz für sich nutzbar machen kann. Wie man partizipiert.

Ich klebe derzeit gedanklich doch sehr an Mayfields “Power Law of Participation”, mit dem er bereits 2006 den Weg von einer kollektiven Intelligenz hin zu einer kollaborativen Intelligenz vorzeichnet. Von den zwölf Tätigkeiten, die nach Mayfield auf diesem Weg anstehen, thematisiert die Institution vor allem zwei: Lesen und Schreiben. Mayfield nennt darüber hinaus noch Tätigkeiten, die man dem Wissensmanagement zuordnen kann, dem gemeinschaftlichen Lernen und der Reflexion. Den Endpunkt seines Schemas bilden Führungsqualitäten. Das gesamte Spektrum ist für Studierende interessant und relevant, doch das Hauptaugenmerk der Institution liegt auf Lesen und Schreiben. Das aber heißt nicht, dass sich auch studentisches Interesse hierauf beschränkt und daher sehe ich nicht, warum meine “Aufgaben” zu beschränken sind.

Viele meiner Gespräche am letzten Donnerstag drehten sich um Informations- und Wissensmanagement – um Vorzüge und Grenzen von Diensten wie RefWorks, CiteULike und Mendeley etwa. Ständig kam auch irgendjemand mit ihrem Notebook, das ins Uni-Wlan zu bringen sie nicht im Stande war, auch das sagt einiges aus… Fragen zu Browserbedienung (!) tauchten ebenso auf, wie Probleme beim Umgang mit MS Word. Alle diese Fragen beantwortet ich also mal, ohne mich zu fragen, ob das denn in den Augen der Institution nun wirklich alles “meine Aufgabe” sei. Schön wäre gewesen, wenn für all diese Fragen ein spezieller Ansprechpartner da gewesen wäre – aber die hätte die Institution dann wie alle anderen Helfer außer mir eben bezahlen müssen und an dem Punkt ist dann die Frage der klar umrissenen “Aufgaben” nicht mehr soooo schrecklich relevant…

Überrascht war ich, dass mich Studierende inzwischen aus eigener Initiative auf Citavi ansprechen (entweder, weil man wissen will, was das Programm kann und ob es den Aufwand lohnt, oder weil bei der aktiven Nutzung Fragen aufgetaucht sind oder – ein gewöhnlicher Gesprächseinstieg mit Mac-Nutzern – welche Alternativen man nutzen könnte). Vorteile von Cloud-Lösungen sehen Studierende v.a. in der betriebssystemübergreifenden Nutzbarkeit, die ja bei zu installierenden Lösungen wie Citavi nicht unbedingt gegeben ist.

Wissensmanagement, digitales und vernetztes Arbeiten – für Studierende neu und spannend, für Lehrende neu und lästig?

Insgesamt sind die Kenntnisse von Web 2.0-Werkzeugen nicht sonderlich ausgeprägt. Die zur Verfügung stehende Programm- und Dienstarten (etwa: Online Mind-/ Concept mapping, Suchmaschinen, Crowdsourcing, Resourcen-Verwaltung,  Social Bookmarking, digitale Schreibumgebungen usw.) sind vielen unbekannt und mit ihnen auch die Möglichkeiten zur Verwaltung digitaler Information.  Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen könnte neben der Recherchefähigkeit (via Verschlagwortung/tagging usw.) auch der Fähigkeit zum Aufbau einer auch in  Zukunft nutzbaren eigenen Wissensbasis dienen; die Bedeutung eines “positiven digitalen Fußabdrucks” für “employability” wird u.a. im Zusammenhang mit ePortfolios herausgestellt. Das nötige Interesse an derlei Thematiken bringen Studierende mit – man müsste es nur aufgreifen und umsetzen.

Der weite Fokus des “Power Law…” bietet eine breite Angriffsfläche für didaktische Umsetzung. Dabei lassen sich gezielt sowohl introvertierte als auch extrovertierte Lerner ansprechen. Eine ausschließliche Konzentration auf Lesen und Schreiben als Kernkompetenzen wird weder den Bedürfnissen der Studierenden noch den Anforderungen der Wissensgesellschaft gerecht (vgl. die Einbettung dieser beiden Tätigkeiten im “Power Law…”) – Unterstützungsangebote sollten dem Rechnung tragen.

Ich werde für meine innere Ruhe alles Unfundierte, das sich im Spektrum von Skepsis bis zur Totalverweigerung tummelt, künftig versuchen zu ignorieren. Wenn mir jemand Twitter oder sonstwas schlecht reden will, ohne selbst einen Account zu nutzen, dann kann ich das in etwa so ernst nehmen wie einen katholischen Geistlichen, der mir etwas über Eheleben oder Geschlechtsverkehr erzählen will. (Selbst die MLA hat die Bedeutung dieser Plattform inzwischen erkannt und einen Standard zum Zitieren von Tweets - siehe hier und hier – eingeführt.) Ich mag auch nicht immer wieder gegen eine diffuse Ablehnung anreden müssen – wer nicht an Bord ist kann von mir aus versuchen zu schwimmen. Ich sehe “meine Aufgabe” in der Ermöglichung und Unterstützung von Lernprozessen. Wenn Skeptiker oder Verweigerer anderen vorschreiben wollen, wie sie NICHT zu lernen haben (oder sie bewusst über Alternativen in Unkenntnis lassen), dann ist irgendwas nicht in Ordnung. Dann bliebe auf morgen zu hoffen – denn wer sagt denn, dass man in Zukunft zum Lernen noch Institutionen braucht?