Schreiben zu lernen erfordert im Vergleich zum Sprechen deutlich mehr Aufwand. Während der Mensch (bis auf wenige Ausnahmen) i.d.R. stets mündliche Sprachfähigkeiten erwirbt, werden kulturelle Fähigkeiten (wie eben Schreiben und Lesen) mitunter niemals erlernt (siehe hier, hier, hier und vielleicht auch hier).
Schreiben fordert unterschiedlichen kognitiven Systemen einiges an Leistung ab – Schreiben hat mit Denken zu tun, so sehr, dass Kellogg (2008) sie sogar als “twins” bezeichnet. Als Stoff können Schreibende theoretisch alles verarbeiten, was den Weg in ihr Langzeitgedächtnis gefunden hat, unter der Voraussetzung allerdings, dass die Inhalte auch verfügbar sind, dass der Schreiber also Zugriff auf sie hat. Dazu bedarf es entweder kognitiver Strategien, die schnellen Zugriff auf das Langzeitgedächtnis erlauben oder aber kognitiver Anstrengung, um den schreibend zu verarbeitenden Stoff aktiv im Kurzzeitgedächtnis zu halten – denn nur von da findet er seinen Weg auf’s Blatt. Schreiben heißt, eine Lösung für dieses Problem zu finden, Schreiben ist Problemlösen.
Weitere Probleme beziehen sich im wesentlichen entweder auf die Form (Sprache) oder den Inhalt. Argumentative Texte verlangen außerdem schlussfolgerndes Denken. Das Endprodukt, der geschriebene Text, kann dann als ein manifester Ausdruck externalisierten Wissens betrachtet werden. Als solcher ist er von anderen rezipierbar und kann für weiterführende Diskussionen genutzt werden – es entsteht eine literarische Kultur.
Eine beruhigende Nachricht für viele Schreibende wird sein: Schreiben braucht Zeit und Schreiben lernen sowieso. Vom Anfänger bis zum Experten veranschlagt Kellogg durchschnittliche 20 Jahre. Dabei kommt der Fortschritt aber nicht von allein, sondern durch Training. Wer also nicht so oft schreibt, kommt auch nicht so schnell vorwärts. Schaut man sich die Schreibentwicklung vom Kinde, über den Jugendlichen hin zum Erwachsenen an, so stellt man fest, dass der Flaschenhals für die Entwicklung die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist und die Tatsache, dass sich dieses Arbeitsgedächtnis auch erst mal entwickeln muss.
Im Wesentlichen muss der Schreiber drei Prozesse zu koordinieren lernen: die Planung, die sprachliche Ausgestaltung seiner Ideen und die Überarbeitung derselben. Für den Experten gilt es außerdem, stets unterschiedliche Repräsentationen seines Textes mit zu bedenken – er muss sich fragen: wie kommt das, was ich schreibe, bei meinem Leser an, was liest der Leser aus meinem Text, wie interpretiert er ihn und versteht er mich auch so, wie ich das beabsichtige? Für den erfahrenen Schreiber ist Leserorientierung ein wichtiger Faktor beim Texten.
Um also all diese Aufgaben – oftmals auch parallel – bewältigen zu können, muss der Schreibende Kontrolle über sie erlangen und das funktioniert eigentlich nur über eine Entlastung des zentralen Vollzugsorgans – des Gehirns. Erreicht werden kann dies einerseits über das sorgfältige Lernen von Fachwissen, das zwar im Langzeitgedächtnis abgelegt wird, auf das der Lerner aber stets schnellen Zugriff sicherstellt. Eine weitere Möglichkeit liegt in der Automatisierung des Schreibens. Auf beides gehe ich vielleicht später mal ein. Hier sollen nun erstmal drei Stufen benannt werden, die auf dem Weg vom Novizen zum Experten zu durchlaufen sind.
Schreibentwicklung: drei Stufen
1. “knowledge-telling”
Bis zum Alter von etwa vier Jahren ist es Kindern nicht möglich, die Sichtweisen anderer zu verstehen und andere Perspektiven einzunehmen. Schreiben entspricht auf dieser Stufe der 1:1-Wiedergabe der Gedanken des schreibenden Subjekts: Was will ich sagen und welcher Text bringt das am besten zum Ausdruck? Mögliche Leser werden dabei noch nicht in Betracht gezogen, wie sie den Text aufnehmen und was sie vielleicht daraus lesen ist uninteressant. Oft ist auch das Konzept “Text” auf dieser Stufe ein fluides, die Aussageabsicht ändert sich mitunter während des Schreibens. Mit zunehmendem Alter wird es leichter, eine feste Aussageabsicht mit einem Text zu verbinden. Mit der Zeit bildet sich neben einer stabilen Textrepräsentation auch eine Leserrepräsentation im Schreiber heraus – auch diese zunächst vage und fluide, jedoch zunehmend stabil. Und erst, wenn eine stabile Leserrepräsentation gegeben ist, kann diese in die Textkonstruktion mit einbezogen werden. Zusammenfassend für die erste Stufe der Schreibentwicklung: der Text ist im Grunde nichts anderes als eine Ausformulierung der Gedanken.
2. “knowledge-transforming”
Auf der zweiten Stufe überarbeitet der Schreibende seine Aussageabsicht als Folge dessen, was er während der Textentstehung bereits zu Papier gebracht hat; es existiert also eine Wechselwirkung zwischen den Ideen des Autors und dem Text. Dazu liest der Schreibende seinen Text selbst und fragt sich, was sich dem Geschriebenen entnehmen lässt. Er kann dann nochmals neu überlegen, ob der Text tatsächlich zur Aussageabsicht passt. Auf dieser Stufe wird das Schreiben zu einem Werkzeug, um Inhalte im Langzeitgedächtnis zu verankern und der Text selbst bildet dabei – anders als noch auf der ersten Stufe des “knowledge-telling” – nur einen kleinen Teil der eigentlichen Denkprozesse ab.
3. “knowledge crafting”
Hier sind die Experten zuhause. Ein Schreiber auf dieser Stufe fragt sich nicht nur, wie ein potenzieller Leser denn die Nachricht beurteilen möge, sondern auch, wie der Text als solcher aufgenommen werden wird. Beim Schreiben auf dieser Stufe hat der Autor seinen Leser stets im Hinterkopf; er versucht, mögliche Leserreaktionen zu antizipieren und seinerseits quasi “präventiv zu reagieren” – v.a. beim wissenschaftlichen Schreiben, bei dem der Text mitunter an einigen Editoren “vorbei muss”, ist die Leserrepräsentation beim Autoren entscheidend. Von großer Bedeutung ist auf dieser Stufe auch das Überarbeiten. Empirische Befunde legen nahe, dass professionelle Schreiber weitaus intensiver überarbeiten und dabei auch strukturelle Veränderungen am Text vornehmen. Weniger erfahrene Schreiber halten sich beim Überarbeiten meist nur an der sprachlichen Oberfläche auf. Auch ist das Überarbeiten für professionelle Schreiber ein Teil des gesamten Entstehungsprozesses eines Textes und nicht nur der letzte Arbeitsschritt kurz vor der Abgabe.
Beim wissenschaftlichen Schreiben gilt es außerdem, einen Überblick über die eigene Disziplin zu haben: Welche Probleme werden in der eigenen Diskursgemeinschaft diskutiert, was hat die Disziplin in der Vergangenheit gelernt, in welche Richtung entwickelt sie sich, wer sind die Schlüsselfiguren und wo ordnet sich hier das eigene Projekt des Autoren ein? Diese Kenntnisse wollen auch erst einmal erworben werden, und wenn man sich vor Augen führt, wie komplex das Schreiben ab einem bestimmten Entwicklungsstand wird, sind die eingangs erwähnten 20 Jahre sicher auch schnell vorbei…

Gestern hat sich das Parlament der Niederlande gegen das rituelle Schlachten von Tieren ausgesprochen und beschlossen, dass Tiere fortan vor dem Töten zu betäuben sind.
So hat das (noch-) Oberhaupt der britischen Juden, Chief Rabbi Jonathan Sacks, gleich lautstark protestiert. Damals habe schon alles so angefangen – was, wenn’s jetzt wieder so kommt… Überall in Europa hätten Tierrechtsverfechter lange für dieses Verbot gekämpft und was, wenn es nun einen Domino-Effekt gebe…




