Nachdem der #osb12 nun einige Tage zurück liegt und ich die Sache mit etwas Abstand betrachten kann, denke ich (mal wieder) ernsthaft über eine Neupositionierung meiner eigenen Tätigkeit nach. Wobei – so ganz neu wäre sie ja nicht, diese “Neupositionierung”, war ich doch schließlich vor einem Jahr, als ich zu den Pädagogen wechselte, mit einem Exposé angenommen, das den Arbeistitel “Konzeption, Durchführung und Evaluation eines Online-Schreibberatungsangebotes” trug.
Mein Denkfehler im letzten Jahr war der, dass ich Studierenden einfach mal per default a) informationstechnische Grundbildung und b) Bereitschaft zum digitalen, vernetzen und offenen Arbeiten unterstellt habe und mit der gleichen Haltung an die Institution herangegangen bin. Als ich dann bald merkte, dass meine Unterstellungen sich nicht halten ließen und sich gleichzeitig in meinem insittutitionellen Umfeld praktische Möglichkeiten zum Einsatz von ePortfolios ergaben, legte ich relativ froh meine ursprünglichen Gedanken zur schreibdidaktischen Unterstützung Studierender im Web 2.0 beiseite und besah mir die Möglichkeiten, die ePortfolio-Arbeit so bietet. Ich dachte, sie könnte ein gutes Bindeglied sein auf dem Weg von der LMS-Fixierung digitaler Hochschullehre hin zu mehr Offenheit.
ePortfolio-Arbeit halte ich nach wie vor für ein ziemlich mächtiges Mittel bei der Unterstützung von Tiefenlernen, für schreibdidaktische Arbeit allerdings braucht es m.E. unmittelbarere Werkzeuge und direktere Kommunikation.
Bisher setzen viele hier weiterhin auf analoge Arbeitsweisen: Stift-auf-Papier-Schreiber preisen Kreativtechniken und die Macht des gesprochenen Wortes beim f2f-Austausch mit Gleichgesinnten; der Peer-Gedanke liegt vielen sehr am Herzen und der ist auch oft mit einer mir persönlich nicht zugänglichen und auch nicht sonderlich angenehmen Aura von Gemeinschaftssinn verbunden; außerdem missfällt mir, dass Möglichkeiten zur Vermittlung von digital literacies ungenutzt bleiben und die Wertigkeit derselben bisweilen sogar von Analogschreibern in Frage gestellt oder ignoriert wird, wobei digitale Kompetenzen im späteren beruflichen Umfeld praktisch aller Studierender doch eine mitunter entscheidende Rolle spielen dürften… Kurzum: wenn ich so rekapituliere, komme ich zu dem Schluss, dass es sich eventuell lohnen könnte, “aktuelle Trends” in der “scientific community” sein zu lassen und zu machen, was man selbst für wichtig hält.
Zweifelsohne ist es wichtig, sich weiter Gedanken zu machen, wie man Präsenzangebote für Studierende verbessern kann. Und sicher kann es ab und zu nett sein, sich mit Kollegen irgendwo vor Ort unmittelbar über Fachliches auszutauschen. Insgesamt sind mir persönlich aber die Visionen, die aus dem #osb12 resultierten (und die ich seiner Zeit getwittert hatte) alle zu sehr auf Kopräsenz ausgerichtet (egal, ob es dabei nun um den Kontakt zu Studierenden oder zu Kollegen geht); ich war richtig froh, als ich letztes Wochenende wieder ein funktionierendes Netz hatte und auf die Inhalte zugreifen konnte, die während meiner zwei Tage Abwesenheit aufgelaufen waren. Wo mir bei Präsenzveranstaltungen ab und an die Füße einschlafen, reißt mich mein digitaler Stream oftmals völlig mit, auch ohne Kopräsenz erlebe ich die Kommunikation als unmittelbarer, direkter, fokussierter und ehrlicher.
In der letzten Woche habe ich in unterschiedlichen Gesprächen mit Studierenden erfahren, wie attraktiv ein Angebot, das Lernende weder an einen bestimmten Ort noch in eine bestimmte soziale Situation zwingt, für manche wäre. Ich denke, es gibt im Peer-Wunderland, wo alle gute Freunde sind und konstruktiv bei einer Tasse dampfenden Tees und einem Stückchen zartschmelzender Schokolade am runden Tisch über ihren Schreibblöcken sitzen und sinnierend am Radiergummiende ihrer Bleistifte kauen auch einige Studierende, die man mit solchen Angeboten nicht erreicht.
Da gibt es Studierende, die neben umfangreicher, verbindlicher Präsenzlehre noch ehrenamtlich Nachhilfe geben, Schülergruppen betreuen und sonst wo jobben. Studierende, die die Nachtschicht im Pflegeheim schieben, oder die jeden Tag eineinhalb Stunden in überfüllten Nahverkehrszügen durchs Umland gondeln und je mehr man sich in die Situation unterschiedlicher Studierender hinein versetzt, desto deutlicher wird, wie vielen man helfen könnte, wenn man sich selbst und damit ratsuchende Studierende nicht auf analoges Arbeiten beschränkte.
Und nicht alle teilen die romantisch-verklärte Euphorie über den haptischen Eindruck eines antiquierten Schreibgerätes auf getrocknetem Brei aus abgehackten Bäumen. Manche haben tatsächlich Notebooks dabei, wenn sie in die Beratung kommen, andere überlegen, was der Mehrwert eines Tablets sein könnte oder stellen sich (und mir) fragen wie “Wenn ich nur zwei Internet-Services verwenden möchte, um bessere Arbeiten schreiben zu können – welche sind dann empfehlenswert?” Solchen Studierenden helfe ich nicht, indem ich sie einmal wöchentlich in die Schreibgruppe schicke.
Hier und da höre ich inzwischen, dass Lehrende diesen Bedarf vage erkennen. Subjektiv empfunden erlebt der Begriff des “eLearning” ein survival – ein Hinweis vielleicht auf die Ratlosigkeit. Ich denke nicht, dass es “eLearning” ist, was die angedachten Studierenden brauchen und wollen. Ich denke, sie brauchen Online-Schreibberatung – online writing instruction – #owi. Erste Recherchen in diese Richtung verweisen mich mehrheitlich auf Angebote, die per E-Mail durchgeführt werden. E-Mail – m.E. ist es damit wie mit “eLearning” – beide sind noch lange nicht tot, riechen aber schon ziemlich streng.
Ich denke inzwischen also: eine sicher nicht kleine Gruppe von Schreibenden ist mit Präsenzangeboten nicht zu erreichen. Für eine effektive #owi, die ohne Rücksicht auf die Digitalverweigerer stark auf den Einsatz digitaler, vernetzter und offener Werkzeuge setzt, ist die Thematisierung informationstechnischer Grundbildung unumgänglich; hier kann die Schreibdidaktik die Vermittlung von digital literacies eben nicht mehr auf universitäre eLearning-Zentren abschieben und sich beruhigt zurück lehnen.
#owi sollte stets daran interessiert sein, den aktuellen Stand digitaler Technologien im Auge zu behalten und Veränderungen auf ihren möglichen Nutzen für die Begleitung Schreibender zu hinterfragen. Schreibdidaktiker, die die Bereitschaft zum ständigen Ausprobieren neuer Möglichkeiten nicht mitbringen, sind vermutlich bei der analogen, präsentischen Beratung besser aufgehoben.
Und trotzdem erfindet #owi das Rad nicht neu – und sollte das auch nicht, schließlich liegen genügend exzellente Konzepte engagierter Kollegen für die Präsenzberatung vor; diese auf ihre Übertragbarkeit in den digitalen Raum hin zu untersuchen nehme ich mir für die nähere Zukunft vor.