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Semesteranfang positiv

2. April 2012, by daspi No comments yet

Ich vermelde einen sehr angenehmen Semesteranfang. Heute fand die erste Sitzung der zweisemestrigen Schreibberater-Ausbildung statt, die Dagmar Knorr dazu nutzte, um u.a. ihrerseits zu tun, was ich am Wochenende auch in meinem IKS-Workshop getan hatte: sie wies mit einem Praxisbeispiel auf die teils doch ziemlich abstruse Textkommentierungspraxis an Schulen hin. Offensichtlich ist es leider absolut keine Schwierigkeit Beispiele zu finden, in denen Lehrer Textpassagen einfach unterringeln und ein keckes “Sprache!!” am Rand notieren – ohne jede weiteren Erläuterungen. Ich kann mich da nur immer wieder fragen: denken solche Lehrerinnen wirklich, dass Schüler auf diese Art das Schreiben lernen?

Natürlich war ich auch sehr erfreut, dass sich eine Teilnehmerin gleich zu Beginn klar positionierte und ihre Bedürfnisse deutlich machte: “Ich schreibe nicht so gerne mit der Hand, weil ich am Computer meinen Gedanken besser hinterher komme.” – Ist das nicht ganz wunderbar? Studierende, die beim Schreiben nicht nur Gedanken haben sondern offenbar so viele davon, dass analoges Arbeiten nichts weiter ist als eine Produktivitätsbremse?
Die digitale Schreibdidaktik bekommt unterdessen auch allmählich ein Profil – das passt für mich ganz gut zusammen.

In einem kurzen Gespräch mit DK zeigte diese sich zuversichtlich, dass es für mein eigenes Vorhaben möglich sein sollte ePortfolio-Arbeit und #owi zu verbinden – das stimmte mich schon etwas vergnüglicher, hatte ich in den letzten Tagen doch damit gehadert, dass im ePortfolio möglicher Weise nicht genügend Platz für interaktive Textarbeit ist…

Ich brauche also demnächst Studierende (gerne mit Migrationshintergrund und DaZ), die a) auf der Suche nach Schreibberatung sind und die b) lieber von zuhause oder sonstwo in digitalen Schreibumgebungen arbeiten, als sich bei Muffins und Tee mit einer Schreibgruppe an der Uni zu treffen. Solche werden sich doch wohl finden lassen, oder?

#owi – weil manche Studierende einfach anders arbeiten

1. April 2012, by daspi 2 comments

Nachdem der #osb12 nun einige Tage zurück liegt und ich die Sache mit etwas Abstand betrachten kann, denke ich (mal wieder) ernsthaft über eine Neupositionierung meiner eigenen Tätigkeit nach. Wobei – so ganz neu wäre sie ja nicht, diese “Neupositionierung”, war ich doch schließlich vor einem Jahr, als ich zu den Pädagogen wechselte, mit einem Exposé angenommen, das den Arbeistitel “Konzeption, Durchführung und Evaluation eines Online-Schreibberatungsangebotes” trug.

Mein Denkfehler im letzten Jahr war der, dass ich Studierenden einfach mal per default a) informationstechnische Grundbildung und b) Bereitschaft zum digitalen, vernetzen und offenen Arbeiten unterstellt habe und mit der gleichen Haltung an die Institution herangegangen bin. Als ich dann bald merkte, dass meine Unterstellungen sich nicht halten ließen und sich gleichzeitig in meinem insittutitionellen Umfeld praktische Möglichkeiten zum Einsatz von ePortfolios ergaben, legte ich relativ froh meine ursprünglichen Gedanken zur schreibdidaktischen Unterstützung Studierender im Web 2.0 beiseite und besah mir die Möglichkeiten, die ePortfolio-Arbeit so bietet. Ich dachte, sie könnte ein gutes Bindeglied sein auf dem Weg von der LMS-Fixierung digitaler Hochschullehre hin zu mehr Offenheit.

ePortfolio-Arbeit halte ich nach wie vor für ein ziemlich mächtiges Mittel bei der Unterstützung von Tiefenlernen, für schreibdidaktische Arbeit allerdings braucht es m.E. unmittelbarere Werkzeuge und direktere Kommunikation.

Bisher setzen viele hier weiterhin auf analoge Arbeitsweisen: Stift-auf-Papier-Schreiber preisen Kreativtechniken und die Macht des gesprochenen Wortes beim f2f-Austausch mit Gleichgesinnten; der Peer-Gedanke liegt vielen sehr am Herzen und der ist auch oft mit einer mir persönlich nicht zugänglichen und auch nicht sonderlich angenehmen Aura von Gemeinschaftssinn verbunden; außerdem missfällt mir, dass Möglichkeiten zur Vermittlung von digital literacies ungenutzt bleiben und die Wertigkeit derselben bisweilen sogar von Analogschreibern in Frage gestellt oder ignoriert wird, wobei digitale Kompetenzen im späteren beruflichen Umfeld praktisch aller Studierender doch eine mitunter entscheidende Rolle spielen dürften… Kurzum: wenn ich so rekapituliere, komme ich zu dem Schluss, dass es sich eventuell lohnen könnte, “aktuelle Trends” in der “scientific community” sein zu lassen und zu machen, was man selbst für wichtig hält.

Zweifelsohne ist es wichtig, sich weiter Gedanken zu machen, wie man Präsenzangebote für Studierende verbessern kann. Und sicher kann es ab und zu nett sein, sich mit Kollegen irgendwo vor Ort unmittelbar über Fachliches auszutauschen. Insgesamt sind mir persönlich aber die Visionen, die aus dem #osb12 resultierten (und die ich seiner Zeit getwittert hatte) alle zu sehr auf Kopräsenz ausgerichtet (egal, ob es dabei nun um den Kontakt zu Studierenden oder zu Kollegen geht); ich war richtig froh, als ich letztes Wochenende wieder ein funktionierendes Netz hatte und auf die Inhalte zugreifen konnte, die während meiner zwei Tage Abwesenheit aufgelaufen waren. Wo mir bei Präsenzveranstaltungen ab und an die Füße einschlafen, reißt mich mein digitaler Stream oftmals völlig mit, auch ohne Kopräsenz erlebe ich die Kommunikation als unmittelbarer, direkter, fokussierter und ehrlicher.

In der letzten Woche habe ich in unterschiedlichen Gesprächen mit Studierenden erfahren, wie attraktiv ein Angebot, das Lernende weder an einen bestimmten Ort noch in eine bestimmte soziale Situation zwingt, für manche wäre. Ich denke, es gibt im Peer-Wunderland, wo alle gute Freunde sind und konstruktiv bei einer Tasse dampfenden Tees und einem Stückchen zartschmelzender Schokolade am runden Tisch über ihren Schreibblöcken sitzen und sinnierend am Radiergummiende ihrer Bleistifte kauen auch einige Studierende, die man mit solchen Angeboten nicht erreicht.

Da gibt es Studierende, die neben umfangreicher, verbindlicher Präsenzlehre noch ehrenamtlich Nachhilfe geben, Schülergruppen betreuen und sonst wo jobben. Studierende, die die Nachtschicht im Pflegeheim schieben, oder die jeden Tag eineinhalb Stunden in überfüllten Nahverkehrszügen durchs Umland gondeln und je mehr man sich in die Situation unterschiedlicher Studierender hinein versetzt, desto deutlicher wird, wie vielen man helfen könnte, wenn man sich selbst und damit ratsuchende Studierende nicht auf analoges Arbeiten beschränkte.

Und nicht alle teilen die romantisch-verklärte Euphorie über den haptischen Eindruck eines antiquierten Schreibgerätes auf getrocknetem Brei aus abgehackten Bäumen. Manche haben tatsächlich Notebooks dabei, wenn sie in die Beratung kommen, andere überlegen, was der Mehrwert eines Tablets sein könnte oder stellen sich (und mir) fragen wie “Wenn ich nur zwei Internet-Services verwenden möchte, um bessere Arbeiten schreiben zu können – welche sind dann empfehlenswert?” Solchen Studierenden helfe ich nicht, indem ich sie einmal wöchentlich in die Schreibgruppe schicke.

Hier und da höre ich inzwischen, dass Lehrende diesen Bedarf vage erkennen. Subjektiv empfunden erlebt der Begriff des “eLearning” ein survival – ein Hinweis vielleicht auf die Ratlosigkeit. Ich denke nicht, dass es “eLearning” ist, was die angedachten Studierenden brauchen und wollen. Ich denke, sie brauchen Online-Schreibberatung – online writing instruction – #owi. Erste Recherchen in diese Richtung verweisen mich mehrheitlich auf Angebote, die per E-Mail durchgeführt werden. E-Mail – m.E. ist es damit wie mit “eLearning” – beide sind noch lange nicht tot, riechen aber schon ziemlich streng.

Ich denke inzwischen also: eine sicher nicht kleine Gruppe von Schreibenden ist mit Präsenzangeboten nicht zu erreichen. Für eine effektive #owi, die ohne Rücksicht auf die Digitalverweigerer stark auf den Einsatz digitaler, vernetzter und offener Werkzeuge setzt, ist die Thematisierung informationstechnischer Grundbildung unumgänglich; hier kann die Schreibdidaktik die Vermittlung von digital literacies eben nicht mehr auf universitäre eLearning-Zentren abschieben und sich beruhigt zurück lehnen.

#owi sollte stets daran interessiert sein, den aktuellen Stand digitaler Technologien im Auge zu behalten und Veränderungen auf ihren möglichen Nutzen für die Begleitung Schreibender zu hinterfragen. Schreibdidaktiker, die die Bereitschaft zum ständigen Ausprobieren neuer Möglichkeiten nicht mitbringen, sind vermutlich bei der analogen, präsentischen Beratung besser aufgehoben.
Und trotzdem erfindet #owi das Rad nicht neu – und sollte das auch nicht, schließlich liegen genügend exzellente Konzepte engagierter Kollegen für die Präsenzberatung vor; diese auf ihre Übertragbarkeit in den digitalen Raum hin zu untersuchen nehme ich mir für die nähere Zukunft vor.

Schreibberatung und Peer Tutoring – ILM Modul 3

8. Dezember 2011, by daspi No comments yet

Nachdem man sich im letzten Modul eher mit dem Themenfeld Literacy Management beschäftigt hatte, ging es diesmal zwei Tage lang um Theorie und Praxis der Schreibberatung, wobei auch auf das Peer Tutoring als schreibberaterische Maßnahme eingegangen wurde. Es scheint mir angebracht, meine Nachbereitung diesmal auf mehrere Blog-Einträge zu verteilen, da das Vorhaben, alles in einem einzigen Beitrag aufzuarbeiten nun seit über einer Woche keine Frucht gebracht hat – es gab einfach richtig viel Input. Dass einige der diskutierten Aspekte nun auch im Rahmen der Schreibberater-Ausbildung an der EPB der UHH relevant sind, ist mir dann doch Grund genug, an dieser Stelle wenigstens Ausschnitte des Besprochenen zu reflektieren. Read more →

Ringvorlesung Interkulturelle Bildung: Die “Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit” der Universität Hamburg

2. November 2011, by daspi 1 comment

Am 01.11.11 stellte Dr. Dagmar Knorr im Rahmen der Ringvorlesung Interkulturelle Bildung einen praxisorientierten Ansatz der EPB der Universität Hamburg vor. Seit Juni dieses Jahres wird dort am Lehrstuhl von Prof. Ursula Neumann die „Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit“ eingerichtet.

Zunächst beantwortet Dr. Knorr die Frage nach der Notwendigkeit einer Schreibwerkstatt mit den spezifischen Anforderungen, die das wissenschaftliche Schreiben an die Textproduzenten stellt und legt dar, dass Studierende immer wieder ihre Unsicherheit im Bezug auf die Textproduktion zum Ausdruck bringen. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Rahmen, in dem derartige Fragen geklärt werden können, durchaus sinnvoll.

Die Idee zu universitären Schreibberatungsstellen stammt ursprünglich aus den USA und lässt sich bis in die 1930er zurückverfolgen. In der Mitte der 70er wurde in den Medien die „Writing Crisis“ zum viel diskutierten Thema (den Kontext hatte ich bereits hier erwähnt). In Reaktion auf diese Auseinandersetzung mit dem Schreiben entstand die Schreibprozessforschung als neuer Wissenschaftszweig. Grundlage war dafür die Erkenntnis, dass man über das Schreiben recht wenig wusste – lediglich, dass es sich dabei um eine hochkomplexe Angelegenheit handelt, schien auf der Hand zu liegen.
In neu eingerichteten „Writing Centers“ wurde von nun an das Schreiben als Fach unterrichtet; hier konnten Studierende jetzt Textsorten kennenlernen und Schreibstrategien erproben.

Mit einiger Verspätung fanden Schreibzentren 1993 auch endlich den Weg an Universitäten in Deutschland: Vorreiter ist hier das auch heute noch bestehende Schreiblabor der Universität Bielefeld, das, zunächst als Piltoprojekt gestartet, 1997 zum „Leuchtturmprojekt“ und als solches aus Mitteln des Aktionsprogramms „Qualität der Lehre“ finanziert wurde und inzwischen fest am Hochschulstandort Bielefeld verankert ist.

In Hamburg besteht im Gegensatz dazu bis heute das Problem, dass Schreibausbildung in Form von Seminaren an der Universität praktisch nicht existiert.

„Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit“ an der Universität Hamburg

Die seit 01. Juni 2011 bestehende Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit an der Universität Hamburg wird mit einer Laufzeit von zunächst zwei Jahren von der Zeit-Stiftung finanziert, die besonderen Wert auf die Förderung von Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund legt (Gründe dafür finden hatte ich in diesem Blog-Beitrag erwähnt). Neben der Optimierung der bei den Studierenden bereits vorhandenen Schreibfähigkeiten setzt sich die Schreibwerkstatt zudem zum Ziel, den potenziellen Nutzen der Mehrsprachigkeit zu erproben: Was kann getan werden, damit Mehrsprachigkeit als Ressource aufgefasst und nicht als Hindernis begriffen wird? Lassen sich Wege aufzeigen, wie sich mehrsprachige Kompetenzen für den Schreibprozess förderlich einsetzen lassen oder ist dies letztlich nur ein eitler, politisch korrekter Wunsch, eine Ideologie?

Voraussetzungen zur Teilhabe am Angebot der Schreibwerkstatt sind zunächst deutsche Sprachkenntnisse, die die Studierenden allerdings (formal) bereits bei der Aufnahme eines Hochschulstudiums nachgewiesen haben. Da sich Schreiben nicht von allein verbessert, sondern an einer solchen Verbesserung gearbeitet werden will, ist die Bereitschaft zu schreiben die zweite Voraussetzung. Drittens bedarf es der Bereitschaft, an eigenen Texten zu arbeiten – gelegentlich auch in Kooperation mit anderen Studierenden. Manch einer wird also auch zu lernen haben, mit anderen über seine Textentwürfe zu diskutieren. Die Schreibwerkstatt bietet kein DaF-Angebot und ist auch keine Anlaufstelle für Studierende, die auf der Suche nach einem Lektorat sind.

Schlüsselkompetenz Schreiben

Nach Becker-Mrotzek (2007) ist Schreibkompetenz die Fähigkeit, selbstständig oder auch kooperativ Texte für unterschiedliche Zwecke zu produzieren. Dr. Knorr stellt diesem Terminus den Begriff der Textkompetenz gegenüber, welchen sie mit Portmann-Tselikas & Schölzer-Eibinger (2008) (puh!) als weiter gefasst versteht, da er die „individuelle Fähigkeit, Texte lesen, schreiben und zum Lernen nutzen zu können“ beschreibt. Schreibkompetenz, so lässt sich festhalten, bildet folglich einen Aspekt der Textkompetenz.

Angebote der Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit

Die Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit bietet im Rahmen einer individuellen Schreibberatung die Möglichkeit, Fragen zum Schreiben eigener Arbeiten zu klären und Begleitung im Schreibprozess zu erhalten. Dr. Knorr erläutert anhand zweier Textbeispiele aus der Beratungspraxis, dass beim Schreiben stets zwischen Prozess und Produkt zu unterscheiden sei. Ein zu schreibender Text sei immer lediglich ein Ausschnitt aus einem (potentiell viel) größeren Wissensbestand. Während diesem Bestand im Prinzip keine Grenzen gesetzt seien, habe jeder Text einen Anfang und ein Ende. Diese Ausschnitthaftigkeit auf dem Papier zu realisieren verlange einiges an Anstrengung. Dabei sei es hilfreich „vom Ergebnis her zu denken“: Was will ich in meiner Arbeit machen und warum? Umwege und Wertungen (etwa: „Ich habe das Thema als komplex erlebt und den Rechercheprozess als schwierig empfunden…“) seien für den Leser nicht von Interesse. Als Studierende habe man die Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Schreibens in der deutschen Sprache zu reflektieren, wobei der Austausch mit anderen helfe.

An diesem Punkt entfachte sich eine Diskussion im Plenum, ob der Bedeutung des Mehrsprachigkeitsaspektes. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich festhalten, dass sich interkulturelle Unterschiede auch auf die Textproduktion auswirken. So verweisen deutsche Texte tendenziell eher nach vorn, während sie im Italienischen eher auf das verwiesen, was bereits erwähnt wurde. Solche kulturspezifischen Prägungen sind beim mehrsprachigen Schreiben zu berücksichtigen. Dr. Knorr vermutet darüber hinaus auch Probleme beim metaphorischen Sprachgebrauch. Hier sind aber noch viele Fragen offen, denen das Projekt innerhalb der nächsten beiden Jahre auf den Grund zu gehen beabsichtigt.

Ein weiteres Angebot der Schreibwerkstatt ist eine sich wöchentlich treffende Schreibgruppe. Diese will der Einsamkeit beim Schreiben entgegenwirken. Teilnehmer erhalten Betreuung durch studentische Schreibcoaches, die derzeit im Rahmen des Seminars „Peer-Feedback-Training“ ausgebildet werden. Dabei lernen die angehenden Coaches, mögliche Probleme an studentischen Texten zu erkennen und lernförderliche Rückmeldung auf Texte zu geben. Aus ihrer Beschäftigung mit dem Phänomen der Textkorrektur und –kommentierung zieht Dr. Knorr den Schluss, dass in den Text hineingeschriebene Korrekturen vom Autoren tendenziell eher übernommen werden. Man liest den Vorschlag eines Kommentatoren, reagiert intuitiv etwa mit „Ja, hört sich besser an.“ und übernimmt Änderungsvorschläge, ohne weiter darüber nachzudenken. So werden bisweilen auch falsche Änderungsvorschläge in den eigenen Text übernommen, nach dem Motto: Wenn da etwas korrigiert wurde, wird der Korrektor schon recht haben.

Dieser These wird aus dem Publikum widersprochen. In der Arbeit mit Schülern zeige sich, dass diese durchaus streitbar seien, wenn es um Änderungen ihrer eigenen Texte gehe – man diskutiere bereitwillig, was man sich beim Schreiben gedacht habe und sei bereit, eigene Texte zu rechtfertigen. Aus Perspektive der universitären Schreibberatung scheint mir hier aber in erster Linie der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein. Wenn die Schulen, wie vom Lehrkörper im Wortbeitrag behauptet, tatsächlich so verlässlich meta-kompetente Schreiber erzeugten, frage ich mich, wo die auf dem Weg in die Universität verloren gehen. Es muss gefragt werden, inwiefern sich schulisches und universitäres Schreiben in dieser Hinsicht überhaupt vergleichen lassen. An der Universität eifern Schreibende einer wissenschaftlichen Norm nach (was auch immer darunter zu verstehen und wie schwammig diese auch immer sein mag). Diese Norm lässt vermutlich weniger Spielraum für Aushandlungen als schulisches Schreiben. Hinzu mag eventuell auch noch kommen, dass das hierarchische Gefüge an der Hochschule Schreibnovizen in eine weitaus unsicherere Position zwingt, als es der vergleichsweise geschützte Raum der gymnasialen Oberstufe tut, in dem Schüler mitunter bereits über einen längeren Zeitraum intensivere Betreuung durch den Lehrer genossen haben, als Studierende an der Universität es mit ihren Dozenten erleben. Da es manchen Gymnasiallehrern anscheinend nicht an Überzeugung zu mangeln scheint, dürften sie zum Wohle der späteren Studierenden in Bezug auf schreibdidaktische Begleitung ihrer Schüler aber ruhig mehr in die Pflicht genommen werden.

Ein drittes Standbein der Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit bilden Workshops zu diversen Aspekten des wissenschaftlichen Schreibens. Bereits stattgefunden haben ein Workshop zum Zitieren, in dem u.a. verschiedene Formen der Bezugnahme auf Texte, disziplinäre Unterschiede sowie Funktionen von Bezugnahmen diskutiert wurden.
Im Workshop Literaturverwaltung wurden Sinn und Funktion einer sorgfältigen Literaturverwaltung besprochen und Einsatzmöglichkeiten und Varianten erörtert.
Ein weiterer Workshop zum Umgang mit Quellen fand ebenfalls bereits statt, soll aber, wie die anderen Workshops auch, in Zukunft wiederholt werden.

Zum Online-Angebot der noch jugendlichen Schreibwerkstatt gehören neben der Homepage und einem öffentlich zugänglichen EduCommSy-Raum auch ein im Wachsen begriffenes Wiki und für Social Media-Freunde eine „Facebook“-Seite.

Im Rahmen der Diskussion des Vortrages wird deutlich, dass studentische Texte oftmals einem Haus gleichen, das an mehreren Ecken zugleich in Flammen steht. Solche Texte erfordern eine Bearbeitung auf unterschiedlichsten Baustellen.
Bei der Kommentierung interkulturell herleitbarer Fehlformulierungen geht es weniger um reine Korrektur als vielmehr um die Sensibilisierung für interkulturelle Unterschiede und um das Anstoßen von Denkprozessen.

Der Mehrsprachigkeitsaspekt im Titel der Schreibwerkstatt leuchtet einigen Zuhörern nicht direkt ein, da viele der im Verlauf des Vortrags dargestellten Probleme ebenso deutsche Muttersprachler betreffen. Institutionell wird ein potenzieller Nutzen der Mehrsprachigkeit vom Bildungssektor oft ausgeblendet. Gibt es überhaupt einen Nutzen der Mehrsprachigkeit? Welche Erfahrungen machen Mehrsprachige – fühlt man sich öfter missverstanden, weil ein dem „monolingualen Habitus“ (Gogolin) verhaftetes Umfeld nichts mit Mehrsprachigkeit anzufangen, ja mehr noch, sie gar als kommunikationshinderlich bewertet? Versuchen mehrsprachige Autoren, in jener Sprache zu schreiben, denken und kommunizieren, die die Mehrheit von ihnen erwartet? Macht Mehrsprachigkeit den Erfolg beim Lernen und Schreiben schwieriger, oder gibt es Strategien, beide Sprachen zu nutzen? Oder ist es generell einfach weniger verwirrend, sich nur auf eine Sprache zu konzentrieren, und die anderen zeitweise „unter den Tisch fallen zu lassen“?

Wie gehen Lehrer und Dozenten mit den Texten mehrsprachiger Lerner um? Beeinflusst die Mehrsprachigkeit der Schreiber die Art und Weise, wie Texte kommentiert werden? Thematisieren Lehrer und Dozenten überhaupt die Mehrsprachigkeit der Lerner?
Gibt es im akademischen Umfeld Möglichkeiten zur Nutzung von Mehrsprachigkeit, oder ist das Befürworten derselben in einer Umgebung, in der trotz allem letztlich das Wichtigste zu sein scheint, dass sich alle Studierenden der geltenden einsprachigen Norm unterwerfen, nur ein gut gemeinter Wunschtraum einer multikulturellen Ideologie? Viele Fragen sind noch offen und die Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit ist angewiesen auf Erfahrung aus erster Hand.

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"I find myself often idle, vagrant, stupid and hollow. This is somewhat appalling and if I do not discipline myself with diligent care I shall suffer severly from remorse and a sense of inferiority hereafter. All around me are the industrious and shall be great, I am indolent and shall be insignificant." (Ralph Waldo Emerson)

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