Ich las soeben ein kurzes Paper aus dem Jahre 2008 zum Informationsverhalten der „Google-Generation“ (ich selbst mag solche Termini ja nun nicht unbedingt, aber sie erleichten manchmal die Kommunikation). Der Begriff erfasst alle nach 1993 Geborenen. Diese Generation wurde nun von der British Library und JISC daraufhin untersucht, ob sie neue Informationen auf neuen Wegen sucht und ob sich die Informationssuche dieser Generation überhaupt von der früherer Generationen unterscheidet. Nicht zuletzt soll die Studie Bibliotheken Hinweise auf eine strategisch gute Aufstellung angesichts der sich rapide ändernden Verhältnisse geben. Dabei sind einige interessante Aspekte zu Tage gekommen, die auch die Arbeit mit Studierenden hier in Deutschland betreffen dürften.

Informationsverhalten und woran es fehlt

Die Information Literacy junger Menschen hat sich angesichts neuer technologischer Möglichkeiten nicht verändert. Leider, möchte man sagen und es scheint gar noch ein wenig schlimmer: Man sagt der fraglichen Generation immer einen natürlichen und leichtfüssigen Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) nach. Aber nur, weil man keine Probleme hat, den Anschaltknopf zu finden, heißt das noch nicht, dass man geschickter mit den Geräten umzugehen weiß. Vielmehr besteht die Gefahr, dass diese oberflächlich geschickte Umgang mit technischem Gerät tieferliegende Probleme im Informationsverhalten verdeckt.

Probleme etwa wie das ineffektiver Suchstrategien: Bei der Recherche via Suchmaschine zeigt sich, dass junge Menschen nicht selten einen vollständigen Fragesatz eintippen: „Wie viele Ausländer gibt es in München?“ Konzepte wie das des Suchbegriffs sind vielen fremd und – wie ich in einem meiner letzten Workshops zum Thema Literaturverwaltung wieder festgestellt habe – gleiches gilt für Verschlagwortung (tagging) von Inhalten, auf die ja etwa das Social Bookmarking aufgebaut ist. Suchstrategien sind  noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Damit wird ein Teil des Potenzials der Technologie verschenkt. Wer also meint, die „Google-Generation“ sei eine Generation von Suchexperten, der irrt. Digital Literacy und Information Literacy gehen nicht Hand in Hand, dazu unten mehr.

Sehr wenig Zeit wird mit dem bewerten von Information verbracht: ist die Seite, die ich gerade besuche, für mich relevant, sind die Informationen, die ich hier finde korrekt und von wem stammen sie überhaupt? Die Ignoranz, die die „Google-Generation“ solchen Fragen entgegenbringt, mag auch daran liegen, dass viele gar nicht wissen, welche Information sie denn zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade brauchen. Wenn ich im Supermarkt stehe und nicht weiß, was ich eigentlich will, fällt es mir auch schwer, mich vernünftig zu entscheiden. An die Stelle von Relevanzeinschätzungen scheint eine Download-Kultur zu treten, in der gefundene Informationen auf der lokalen Festplatte archiviert werden. Leider scheint dann aber mit der angehamsterten Information nicht mehr viel zu passieren, sobald sie auf der Festplatte liegt.

Ein grundlegendes Verständnis für Aufbau und Funktionsweise des weltweiten Datennetzes fehlt häufig. Dass also das Internet ein Zusammenschluss hochgradig vernetzter Anbieter und Quellen ist, ist oft nicht bekannt. Infolge dessen werden oftmals Marken mit dem Internet gleichgesetzt: Internet = Google. Andere Informationsquellen sind für die jungen Nutzer nur selten intuitiv, was die geringe Bedeutung von Online-Bibliothekskatalogen (mit)erklärt. Darüber hinaus setzt der Trend zur digitalen Verfügbarkeit von Quellen unterschiedlichster Art natürlich die Bibliotheken unter Druck, wollen sie nicht bald ihre Bedeutung verlieren.

Untersuchungen unter Nachwuchswissenschaftlern zeigen, dass sie bevorzugt Werkzeuge verwenden, die kaum Kompetenzen verlangen. Je einfacher ein Werkzeug zu bedienen ist, desto häufiger wird es verwendet. Da der Hammer leichter zu bedienen ist als der Schraubendreher, schlägt man auch schon mal eine Schraube in die Wand – das geht vermutlich sogar schneller. Dadurch relativiert sich der Eindruck, junge Leute seien ja mit dem Computer generell so begabt. Sie sind es nicht.

Tempo ist wichtig für die „Google-Generation“: Internetseiten, pdf-Dokumente, Tabellen – kurz: Informationen aller Art werden häufig nur oberflächlich gescannt, schnell klickt man sich von einer Seite zur nächsten. Auf die Verfeinerung von Suchanfragen legt man nicht so viel Wert. Informationen werden sehr selten wirklich gelesen. Statt sie mental zu verankern, scheint man ihrer, wie bereits erwähnt, durch physikalisches Festhalten Habhaft werden zu wollen: man speichert auf Festplatte oder druckt fleißig aus, und auch das ungerichtet und unreflektiert.

Überrascht hat mich die Erkenntnis, dass junge Leute nicht an professionellen Vernetzungsangeboten von Hochschuleinrichtungen interessiert sind. Würde also etwa eine Bibliothek ein professionelles soziales Netzwerk einrichten und dort akademischen Mehrwert bereitstellen, würde sich die Studierendenschaft dafür aller Wahrscheinlichkeit nach nicht interessieren. Gleichwohl treffen interaktive Medien inzwischen auf mehr Interesse als passive Medien wie Zeitung und Fernsehen. Nur die Symbiose aus beidem: Interaktivität / Social Media und Professionalität, hat für kaum jemanden Bedeutung.

Was weiß man über die Google-Generation?

Man kann also die „Google-Generation“ nicht als Informations- oder Suchexperten bezeichnen.  Eine Untersuchung unter englischen Teenagern aus dem Jahre 2007 bekräftigt den bereits angedeuteten Eindruck, dass die Generation auch hinsichtlich ihrer ICT-Kompetenzen deutlich überschätzt wird:

Die Mehrheit der Teenager (57%) verwendet vergleichsweise einfach gestrickte Techniken, um ihre grundlegenden Kommunikations- und Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen. Weitere 20 Prozent  werden als „digitale Dissidenten“ bezeichnet, die sich durch eine aktive Aversion gegenüber Technologie auszeichnen, welche sie nach Möglichkeit zu vermeiden suchen. Damit bleiben also 23 Prozent Jugendliche übrig, die vielleicht zumindest einigermaßen mit dem Netz umzugehen wissen und auch ein Interesse daran haben.

Wirft man einen Blick auf das Schreiben, fällt schnell auf, dass praktisch alle jungen Menschen ein Textverabreitungsprogramm zum Abfassen der von ihnen verlangten Texte verwenden. Wie gut diese Programme aber im Detail beherrscht werden, darf hinterfragt werden.

Ob die Fähigkeiten, mit Information umzugehen allerdings geringer sind als in früheren Generationen, kann derzeit nicht beurteilt werden, da keine Longitudinaldaten vorliegen. In einem Umfeld, das zunehmend auf Lernerautonomie setzt, steht einiges auf dem Spiel, so dass derlei Fragen dringend einer Antwort bedürfen.

„Google-Generation“: irgendwie sieht’s schon finster aus

Insgesamt wird die “Google-Generation“ hinsichtlich ihrer IKT-Kompetenz überschätzt. (Erwähnt werden darf aber auch, dass ältere Generationen im gleichen Maße unterschätzt werden, die holen nämlich langsam aber sicher auf.)

Will man daran etwas ändern – und hier nun wieder ein Ergebnis, das mich doch etwas überrascht hat – müssen Literacy-Programme deutlich VOR der Universität ansetzen, da sonst Strategien erworben werden, die subjektiv als ausreichend erscheinen – man lernt, sich mit Google zufrieden zu geben. DASS etwas getan werden sollte, ergibt sich nicht zuletzt aus der Erkennnis, dass IKT-Kompetenzen positiv mit Schulnoten korrelieren, ein mehr an Unterstützung würde sich also vermutlich auch auf lange Sicht auszahlen.

 

Quelle: Rowlands I., Nicholas D., Williams P., Huntington P., Fieldhouse M., Gunter B., Withey R., Jamali H.R., Dobrowolski T. and Tenopir C., (2008) The Information Behaviour of the Researcher of the Future. British Library/JISC Online verfügbar unter http://www.jisc.ac.uk/media/documents/programmes/reppres/gg_final_keynote_11012008.pdf