Das zweite ILM11-Wochenende begann schreibpraktisch mit der Reflexion der eigenen a) beruflichen Praxis als Cluster und b) Schreibpraxis als fokussiertes Freewriting.
Die thematische Gestaltung übernahm diesmal Gerd Bräuer, inhaltlich beschäftigte man sich zwei Tage lang mit der reflexiven Praxis in der Schreibberatung. Dabei verwies GB immer wieder auf die Position des Literacy Managements – etwa, wenn er gleich zu Anfang betont, dass die Beschäftigung mit Einzelthematiken und schreibbezogenen Themen künftig ad hoc mit dem Begriff des Literacy Managements in Verbindung gebracht werden sollte.
Die grundlegende Problematik im Hochschulsektor, die Anlass zu der Veranstaltungsreihe ist, muss im Rahmen der Weiterbildung nicht mehr diskutiert werden. Bologna und aktuelle Veränderungen im Lernen und Lehren bieten ein günstiges Klima, GB sieht aber auch die Gefahr zu blindem Aktionismus. Für Literacy Manager gilt es, jeweils im Kontext der eigenen Institution zu definieren, was konkret das unbeackerte Feld ist, das zu bestellen man sich anschickt.
Zum ersten Mal an diesem Wochenende lässt mich aufhorchen, wenn GB freshman composition als „Fehler der angelsächsischen Schreibkultur“ bezeichnet – eine Ansicht, die sich mit den Ausführungen in Beaufort (2007) (zu finden in den Studienmaterialien für Modul 2) untermauern lässt. Grund für diese Haltung ist die Erkenntnis, dass die Aufgabe der Schreibberatung nach Einführungskursen noch nicht erledigt ist. Aufgrund der Existenz unterschiedlicher Schreibertypen (vgl. Ortner 2000) muss ein Folgeunterstützungsangebot komplex sein. Die Beratung Studierender gibt Aufschluss über deren Literacy Management und wie beim Schreibprozess zeigt sich auch hier ein hohes Maß an Individualität.
Begriff LM und Handlungsfelder
Gedanken und Ausführungen zur Begriffsdefinition habe ich an anderer Stelle festgehalten, so dass ich hier nicht weiter darauf eingehe.
Im angloamerikanischen Raum ist der Begriff des institutional assessment beliebt: Institutionen müssen zeigen, dass sie für Studierende nötige Kompetenzen verstanden haben und abdecken, und dass sie sinnvolle Curricula bauen können, damit Arbeiter für jene Bereiche entstehen, denen die Institution zuarbeitet. (Kann man mögen – muss man aber nicht.)
Statt einen Tunnelblick auf institutional assessment zu richten sollte man eine ganzheitlicher Perspektive einnehmen. So ist es nur angemessen, dass man inzwischen auch in Übersee wieder vermehrt nach individuellen Gestaltungsmöglichkeiten für Studierende fragt. Wie lässt sich Lernen individueller angehen? In diesem Zusammenhang versprechen ePortfolios diverse Möglichkeiten, dazu später mehr.
Im Zentrum des Literacy Managements steht der kommunikative Aspekt im Umgang mit Information auf dem Weg zum neuen Text – egal, ob es sich dabei um Austausch mit dem persönlichen Informationssystem handelt (z.B. mittels cloud computing), den Austausch mit peers oder einer Institution.
Im Hochschulbereich werden studentische Tutoren oftmals nicht ausgebildet und dadurch auf ihr Handeln als Tutoren vorbereitet – man gibt ihnen als Dozent das Skript zu einer Veranstaltung und die Tutoren bessern dann da nach, wo die Lehre bei den Studierenden nicht weiter gekommen ist. Um einen ungefähre Ahnung zu haben, kann man davon ausgehen, dass Tutoren vielleicht 15 Prozent des Peer-Potenzials nutzen. Hier sollte das Literacy Management einspringen.
Der Erfolg von LM ist am Grad der Verfügbarkeit und Kommunizierbarkeit der für eine bestimmte Textproduktion benötigten Informationen ablesbar. Das LM einer Institution ist gleichzeitig Ausdruck der in einem bestimmten Handlungszusammenhang bestehenden Schreib- und Lese-Kultur. Wenn also beispielsweise in einer Institution zukünftige Lehrer ausgebildet werden, die Praktikumsberichte über Schulpraktika zu verfassen und sich fachbezogene Textsortenkompetenz anzueignen haben, sollte der betreffende Fachbereich auch entsprechende Textsortenbeschreibungen bereitstellen.
Die Textproduktion an sich ist das Herzstück der Schreibberatung, alles andere erfasst der Begriff des Literacy Management. Schreibberater können sich häufig nicht in die Institution integrieren; die konzeptuelle Einbettung der Schreibberatung in verlangt gewisse Fähigkeiten und Kenntnisse. LM schafft das Umfeld, damit Schreibhandeln entfaltet werden kann – dadurch wir das Schreibhandeln aber nicht automatisch optimal.
Universitäre Schreibkulturen sind leider immer noch viel zu häufig zu produktorientiert. Die Textsorte der „Klausur“ beispielsweise (die GB als “Vier-Stunden-Sitzaktion“ bezeichnet) lässt sich kaum mit dem vereinbaren, was in Schreibzentren gemeinhin passiert. Die Institution ergreift dann nicht selten die nächstbeste Gelegenheit, um das Beratungsangebot abzustoßen – „nützt ja schließlich eh nix“.
Aus LM-Perspektive muss das Ziel eine ganzheitlich agierende Schreibdidaktik sein, die v.a. auch prozessorientiert vorgeht. Und wie bereits erwähnt, ist bei allem Handeln immer auch gleich die Hochschulentwicklung mitzudenken. Als Ausgangspunkt bedarf es dazu einer griffigen Beschreibung dessen, was wir als Literacy Manager tun. Alle sind eingeladen, an der Erarbeitung dieser Beschreibung weiterzuarbeiten.
(e)Portfolios als Werkzeuge der reflexiven Praxis: Annäherung an die Begriffe „reflexive Praxis“ und „Portfolio“
‘Schreibend mache ich mir mein bisheriges und aktuelles Handeln in einem bestimmten Lebensabschnitt bzw. Lernprozess bewusst, um Stärken und Schwächen meines Handelns zu erkennen und dieses zu optimieren.’
Die Reflexion umfasst folgende Ebenen:
1) Beschreiben und Dokumentieren
2) Analysieren und Interpretieren
3) Bewerten und Beurteilen
4) Planen
Im Beschreiben und Dokumentieren sind Studierende meistens ganz gut. Leider meinen sie oft, dass damit auch bereits reflektiert sei. Der pauschale Arbeitsauftrag „Reflektiere doch mal deinen heutigen Tag“ wird in den meisten Fällen nicht funktionieren. Die eben dargestellten Ebenen müssen alle aufgabendidaktisch angesprochen werden – alle gleichzeitig anzusprechen funktioniert nicht. Viel passiert über gezielte Fragen: „Was ist dir denn gut gelungen und was nicht?“ „Warum ist es gelungen oder eben nicht?“ „Welche Konsequenzen ziehst du daraus?“
Allgemeine Evaluationskriterien für Portfolios
Entwicklungs-Portfolios sollen nachweisen, dass die Studierende ein gewisses Interesse für ein Thema entwickelt haben, um zu einer Prüfung zugelassen zu werden. Ich will hier nicht näher darauf eingehen.
An Modul-Portfolios lassen sich die folgenden Kriterien anlegen:
- Leserorientierung
- Einleitung, Schluss
- klare Struktur im Aufbau aller präsentierten elektronischen Ansichten
- Nachvollziehbarkeit: Kurzbeschreibung und Kommentar für jede Portfolio-Einlage vorhanden
- fachliche Richtigkeit
- Vollständigkeit verpflichtender Materialien
- sprachlich-formale Richtigkeit, stilistische Angemessenheit
- erfolgreiche öffentliche Präsentation
Aktuelle Trends
Die fächerübergreifende und jahrgangsstufenübergreifende Reflexion ist sicherlich auch ein Ergebnis des Bologna-Prozesses. Kompetenzorientierung kann der Schlüssel zu einer individuellen Förderung sein. Dazu ist die Position des Einzelnen im Lernverlauf aus den Portfolios auszuwerten, Kompetenzen sind zu beschreiben und dem modularen Studienaufbau zuzuordnen.
In Amerika arbeitet man hierbei mit rubrics, die ins Deutsche oft mit dem wenig passenden Ausdruck der „Kompetenzbeschreibung“ übersetzt werden. Rubrics beschreiben ein Optimum, das dann mit den jeweils vorliegenden Ebenen der Kompetenzerfüllung abgeglichen werden kann: wie spiegelt sich die Kompetenzerfüllung in den Portfolios wider? Anschließend hat die Institution zu überlegen, welcher Maßnahmen es bedarf, um Lücken zu schließen.
Anforderungen an Literacy Management im Zusammenhang mit Portfolio-Arbeit
Ein Beratungsangebot für Studierende sollte auf drei Beinen stehen: Seminare/Workshops, individuelle Begleitung und Selbstlernmaterialien. Für Hochschullehrende bieten kooperative Arbeitsformen wie hochschuldidaktische Gesprächskreise Entwicklungsmöglichkeiten, es sei aber auch hier wieder klar betont, dass man das Internet in diesem Zusammenhang eigentlich nicht ignorieren kann (sollte man meinen).
Das Portfolio ist weder Ablage- noch Sammelmappe und auch kein Ersatz für wissenschaftliche Hausarbeiten – dies ist ggf. immer wieder zu kommunizieren. Ein Portfolio ist zunächst konzeptuell flexibel – es kann auf Papier oder aber virtuell gestaltet werden. Maximalen Nutzen wird es allerdings erst bei längerfristigem Einsatz entfalten können. Im Rahmen dieses Einsatzes müssen die SuS ihre Portfolios selbst auswerten, damit die Aufgabenstellung weiterentwickelt werden kann. Der Gebrauchswert von Portfolios ergibt sich nur, wenn das Portfolio den SuS Chancen und Anknüpfungspunkte für den nächsten Schritt bietet und es mit anderen (bereits erwähnten) Maßnahmen kombiniert wird.
Portfolios und wissenschaftliches Schreiben?
Wissenschaftliche Texte sind thematisch stark gebunden und müssen sich dementsprechend auch stark am Diskurs orientieren. Das Portfolio hingegen ist ein stark operatives Medium, in dem die Anbindung an den Diskurs zurück tritt. Dieser ist in der universitären Ausbildung ja ohnehin meistens nicht mehr eine Illusion, die den Studierenden vorgegaukelt wird – schließlich schreiben sie den Fachdiskurs ja nicht wirklich mit, es wird immer nur so getan.
Da das Portfolio vier wichtige Teilprozesse des wissenschaftlichen Schreibens umfasst, können sich SuS dadurch dem wissenschaftlichen Schreiben nähern. Dabei ist von Vorteil, dass das Portfolio sich stärker an den Bedürfnissen der SuS orientieren kann, und nicht zu sehr auf den wissenschaftlichen Diskurs eingehen muss. „Der Kraftakt zum wissenschaftlichen Diskurs hin“, so GB, „muss aber v.a. am Übergang zum Master gemacht werden.“
Nochmals: die vier Ebenen der reflexiven Praxis
Folgendes Schreibarrangement bildet (exemplarisch) die vier Ebenen der Reflexion ab:
Phase 1: Dokumentieren: Halte in Stichpunkten fest, was du gehört hast.
Phase 2: Analysieren: Was heißt das Gehörte für meine eigene reflexive Praxis?
Phase 3: Evaluieren: Wo stehe ich gerade mit der Kompetenz, meine Praxis zu reflektieren?
Phase 4: Planen: Was möchte ich auf der Basis des Gehörten ändern?
Ein solches Vorgehen birgt das Potenzial, komplexe Erkenntnisse bewusst zu machen, indem der Auftrag des Reflektierens in basale Einheiten zerlegt wird. Bei der Bewertung sind reflexive Kompetenzen und inhaltliche Kompetenzen zu trennen. Dafür könnte man etwa ein Punktesystem entwickeln, in dem zwei Punktwerte zu einer Gesamtnote verrechnet werden. Das aber nur als kurzen Input. Das Thema „Portfolio und Bewertung“ scheint mir ein sensibles zu sein. Intuitiv klingt es für mich nicht geschickt, einem Portfolio eine Note aufzustempeln, da muss man sicher nochmal genauer drüber nachdenken.
Ist man dann aber mal soweit gekommen, kann das Portfolio Anhaltspunkte dazu liefern, welches Seminar im nächsten Semester dem Kompetenzstand eines Studierenden entspricht. Sollte ein zu enges BA/MA-Korsett hier keine Wahlmöglichkeiten zulassen, etwa, weil ein bestimmtes Modul nun einmal auf Gedeih und Verderb zu belegen ist, liefert dies dem Literacy Management einigermaßen belastbare Indizien und einen Ansatzpunkt, auf eine Verbesserung des Systems hinzuwirken.