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#Change11: Teilnahme an einem Massive Open Online Course (MOOC)

14. September 2011, by daspi 4 comments

Die Inspiration für den folgenden Beitrag liefert ein Artikel von George Siemens.

Die Eingangsphase eines MOOC kann spannend und verwirrend zugleich sein. Wenn man sich zum ersten Mal auf den Seiten des MOOCs einfindet, orientiert man sich erstmal, liest die Beschreibungen der Organisatoren und meist steht auch schon einiges an ergänzenden, multimedialen Materialien zur Begutachtung bereit. So ist es auch beim #Change11, der  in der kommenden Woche (richtig) starten und bis Ende Mai 2012 laufen wird.

Viele MOOC-Newbies treten mit jener (Weiterbildungs-)Brille an die Sache heran, die sie aus anderen (meist institutionellen) Lernsituationen gewohnt sind. Wer schon ein bisschen Erfahrung im e-learning gesammelt hat, wird sich vielleicht fragen, wo die übliche Dateiengruft liegt, wo gibt’s (vielleicht gar moderierte?) Foren zur Diskussion, wo ist die Liste der zu erfüllenden Aufgaben, für die man sich Häkchen zu erarbeiten hat, wie reicht man seine erledigten Aufgaben ein und welcher Maßstab wird bei der Evaluation an die eigenen Beiträge angelegt? Wer mit diesen Vorstellungen an einen MOOC herantritt, mag zunächst mit einiger Verwirrung zu kämpfen haben, den MOOCs laufen etwas anders.

Vermutlich muss man „vom Typ her“ zum MOOC-Konzept passen: Lerner, die sich gerne an didaktisch aufbereiteten Materialien, klaren Frage- und Aufgabenstellungen und eindeutigen, zuverlässigen Rückmeldungen orientieren, könnten eventuell unzufrieden sein, denn MOOCs leben in viel höherem Maße von der aktiven Teilnahme der Lernenden. Zwar liefern die Organisatoren in der Tat auch Materialien, diese aber verstehen sich wirklich nur als Grillanzünder für Oberklassefahrzeuge einen dynamischen Austausch der Teilnehmer untereinander. Dabei setzen die Lerner jeweils ihre eigenen Schwerpunkte und Prioritäten, bringen ihre eigenen Anliegen, Kontexte und Erkenntnisinteressen ein und steuern somit den Verlauf des Kurses in weit höherem Maße, als es beim mittlerweile wohl schon als „traditionell“ zu bezeichnendem e-learning der Fall ist.

Für die aktive Partizipation steht die Wahl der Mittel den Teilnehmern im Grunde frei, wobei sich allerdings einige Werkzeuge bewährt zu haben scheinen. Zu nennen wären da wohl in erster Linie das eigene Blog, in dem man den Kursverlauf rekapitulieren und reflektieren, aber darüber hinaus bei Bedarf auch eigene Gesichtspunkte in die Diskussion einbringen kann. Beworben werden diese Beiträge dann in erster Linie wohl über Twitter, dem zweiten zu nennenden Werkzeug. Twitter ist der Kanal, in dem die Vielzahl der Beiträge zusammenläuft. Es werden Links geteilt und (im auf 140 Zeichen begrenzten Rahmen) auch anderweitig kommuniziert. Ein „Hashtag“ ordnet die einzelnen Beiträge dem jeweiligen Lernereignis zu, im Falle des Change 11-MOOC ist dies #change11. It ain’t rocket sience, is it ?!

Für die Organisatoren heißt ein MOOC im Vergleich zum e-learning natürlich in erster Linie Abgabe der Kontrolle an die Lerner – mit allen Konsequenzen. So nimmt der Kurs mitunter einen Verlauf, den die Ausrichter sich so nicht vorgestellt hatten. Als Trainer im e-learning hätte ich da jetzt sofort Angst, die Sache könnte an der Wand enden (keiner kommuniziert, niemand trägt was bei, alle haben eine Bedien-mich-Haltung und erwarten, dass ich als Trainer den digitalen Hampelmann mache, oder Leute sind nur dabei weil der Chef es so will oder weil man mit dem Zertifikat am Ende Lebenslaufkosmetik zu betreiben beabsichtigt). Nach den beschränkten Erfahrungen, die ich bisher mit dem Format MOOC gemacht habe, drängt sich mir diese Befürchtung aber nicht auf, was vermutlich an dem Aspekt der Offenheit liegt: an einem MOOC nehmen Leute teil, die Spaß am selbstgesteuerten Lernen haben, Leute, die sich gerade durch die Freiheit angesprochen fühlen, ihre eigenen Fragen zu stellen und Ziele zu setzen, Leute, die nicht angewiesen sind auf die institutionell legitimierte, leitende Hand, Leute, die sich lieber eigenverantwortlich in Grüppchen zusammen in verschiedene Gummiboote setzen, um darin dann auf dem gleichen Wildwasser zu reiten.

Als vermutlich etwas sachlichere Umschreibung dieses Bildes erwähnt George Siemens im oben erwähnten Artikel das Bild vom MOOC als Netzwerk, welches ja auch in dem vielzitierten youtube-Video zur Frage “What is a MOOC?” beschrieben wird. Innerhalb dieses Netzwerkes machen es sich die Organisatoren zur Aufgabe, die (bisweilen beeindruckend zahlreichen und qualitativ sicherlich heterogenen) Beiträge der Teilnehmer zu aggregieren und eine zentrale Anlaufstelle anzubieten, an der sich das kooperativ konstruierte Wissen versammelt. Die Aufgabe der Ausrichter ist also nicht mehr die diadaktische Aufbereitung von Materialien oder die Moderation von Kommunikation (letzteres zumindest nicht primär, bei synchronen Kommunikationsereignissen verbietet sich das natürlich nicht – ganz im Gegenteil…), sondern eher die Organisation des Austauschs. Dabei läuft nicht alle Kommunikation zwangsweise und ausschließlich über den Zentralknoten – da MOOCs ein konnektivistisches Paradigma für sich beanspruchen, werden natürlich auch zwischen den einzelnen Teilnehmern fleißig Fäden gesponnen  – etwa durch Blog-Kommentare, Tweets und Re-Tweets usw.

Gerade wenn ein offener Online-Kurs wirklich auch “Massive” ist (und im Falle des #Change11 wären dies derzeit 1300 registrierte Teilnehmer) und unter den Teilnehmern viele eifrige Produzenten sind, kann so ein Kurs brummen wie ein Bienenstock.

Gerade Lerner, die durch ihre eigene Produktivität lernen, können vom MOOC profitieren. (Schreiber des gleichen Typs beschreibt Bräuer (2009:22) als Adaptierer und Strukturschaffer, die mit einer bottom-up-Strategie an das Schreiben heran treten: solche Schreiber schreiben gleich mal frei von der Leber weg drauf los, statt erst großartig Pläne des Zieltextes zu entwerfen. Struktur entsteht für solche Schreiber durch die Aktivität – also Schreiben – und vorzugsweise durch trail and error.)  Lerner hingegen, die sich lieber an Vorgaben halten und solche, die sich in geschlossenen Lernumgebungen beim Tutor über ein “Zuviel” beklagen, weil ein Diskussionsfaden im Forum mal an die 50 Antworten provoziert hat, werden vermutlich nicht glücklich werden. (Beim #Change11 gibt es gar einen “daily newsletter” – da hätte ich in anderen Kursen die Leute lauthals protestieren gehört.)
Doch das heißt nicht, dass die, die gerne im MOOC lernen wirklich alles zu rezipieren hätten, was der Kurs an Material zu Tage fördert. Wie oben erwähnt wird beispielsweise Twitter gern für den Austausch von Links verwendet, für das Aufmerksam machen anderer Teilnehmer auf meist interessantes, nicht immer aber auch relevantes Material. Hier liegt es dann in der Verantwortung eines jeden selbst, Prioritäten und Grenzen zu setzen. Das ungute Gefühl, man könne etwas verpasst haben, muss man anfangs aushalten. Es kann aber nach einiger Zeit auch genau dieses Gefühl für die Beschränktheit der eigenen Perspektive und die Dimensionen des beackerten Feldes sein, das zu weiteren (vielleicht ja gar “lebenslangen”?) Lernaktivitäten anregt, zu einer tieferen Identifikation mit den Lerninhalten und einer höheren Befriedigung, gezogen aus dem eigenen Lernhandeln.

Rosinenpickerei – die ich in ihrem englischsprachigen Äquivalent übrigens für weitaus appetitlicher halte (*dingdingding* Birkenbihl-Bonuspoints für angewandte direkte Übersetzung) – ist also nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht und auch notwendig.

Die Organisatoren des #Change11 stellen von Anfang an klar, dass auch eine nur gelegentliche Teilnahme am MOOC absolut legitim ist – Anwesenheitspflicht gibt es keine. Nicht nur kann man entscheiden, was man liest und was nicht, welchem Link man folgt und welchem nicht, an welchem Hangout man sich beteiligt und an welchem nicht, sondern auch das Ignorieren ganzer Themenwochen ist im MOOC in Ordnung, wenn die eigenen Prioritäten anders liegen. Und das, so dünkt mir, wird bei mir gelegentlich der Fall sein und irgendwann wird auch nebenbei noch genug zu tun sein, um auch ohne #Change11 keine Langeweile zu haben (WS vorbereiten, WS durchführen, Weiterbildung, DGFF, #ecbi11 – geh ich nu hin oder nicht, Campus Innovation, gelegentliche Webinare und Kolloquia… ihr kennt das ja).

Ein weiterer Vorteil kann sein, dass im MOOC Gruppendynamiken entstehen können, die Leute mit ähnlichen inhaltlichen Interessen und Haltungen verbindet, unabhängig von deren raumzeitlicher Präsenz. Wenn mich am Kursthema besonders der (vielleicht etwas spezielle) Aspekt XY interessiert, finde ich im MOOC nicht selten Leute, die sich entweder gerade mit denselben Fragen beschäftigen oder sich vielleicht schon damit beschäftigt haben und die sind es dann, die meine Rezeption und Produktion beeinflussen, währen die Beiträge anderer Teilnehmer ihrerseits von anderen Mitlernern aufgegriffen und diskutiert werden. Lernergruppen können sich beim MOOC also primär aufgrund (mitunter auch recht partikularer) inhaltlicher Interessen und Anliegen bilden und nicht, weil eben zufällig mal alle im Grunde wahllos zusammengewürfelten Teilnehmer, zur gleichen Zeit am gleichen Ort, an der gleichen Institution denselben Kurs belegen. Zu diesem Zwecke wird man beim #Change11 “sub-groups” einrichten, denen man sich anschließen kann – eine deutschsprachige Teilnehmergruppe scheint da doch besipielsweise sinnvoll. Darüber hinaus wachsen bei einem MOOC natürlich auch informelle “Einsatzgruppen”, die keines Eingreifens seitens der Organisatoren bedürfen. Ich würde meinen, dass in solchen Lernergruppen eine ganz andere Art von social bonding vorliegt, als in herkömmlichen Kursen.

Im Zusammenhang mit #change11 interessieren mich v.a. Fragen wie die folgenden (Aufzählung nicht geschlossen):

  • Was macht Mehrsprachigkeit mit dem Lernerlebnis – ist sie ein zusätzlicher Aufwand, wie dieser Tweet nahelegt, oder lässt sie sich produktiv nutzen? Ich wäre wirklich ausgesprochen interessiert an Meinungen und Erfahrungen hierzu.
  • Sind MOOCs nur für ohnehin lernaffine Lerner geeignet? Wie können auch weniger Motiverte und Social Media-Abstinenzler von dem Format profitieren?
  • In welchen Formen lässt sich die universitäre Lehre mit MOOC-Elementen bereichern?
  • Und natürlich immer latent Fragen aus der Literacy Management-Perspektive… MOOCs und Schriftsprachenerwerb? MOOCs und Wissensmanagement? etc. pp.

So, und abschließend noch die wie ich finde sehr hilfreichen neun Punkt von George Siemens zur Teilnahme an einem MOOC, die ich mir im Folgenden nicht selbst ausdenke, sondern lediglich (unverschämt frei) aus dem Englischen übertrage:

1. Eigene Ziele setzen. Wann erachtet man selbst die Teilnahme am MOOC als “erfolgreich”?

2. Selbstdefinition. Wer bin ich, was interessiert mich, wo findet man mich (Nutzernamen für diverse social media tools)?

3. Zeitmanagement. Wieviel Zeit kann ich täglich erübrigen? (Ein MOOC saugt einen gerne auf wie Muttis Kobold von Vorwerk…)

4. Netzwerken. Wer ist noch unterwegs? Das Interessante ist: bei aller Selbstbestimmung ist genau dies der kritische Punkt am MOOCen…

5. Wissensorganisation. Wie gesagt: es droht der Information Overload. Was sind meine Strategien und Werkzeuge, um dem Herr zu werden? Finde ich persönlich einen sehr interessanten Punkt. George Siemens Beispiel findet sich hier.

6. Beitragen und teilen. Bloggen, twittern, audiobooen, youtuben, mindmeistern,  diigoen, wikien, flickrn, etherpaden, facebooken, g+en, hangouten, stumbleuponen, ustreamen,  scribden, slidesharen, googlegroupsen – you name it, you do it. Im MOOC werden sich Leute mit unterschiedlicher Erfahrung als autonome Lerner einfinden. Einige betreiben das seit Jahren, andere werden gerade erst damit anfangen. Jeder teilt das, was er gerade hat, jeder bringt sich dort ein, wo er gerade steht und er wird in den meisten Fällen feststellen, dass, wo es einem gefällt, sich alsbald auch andere einfinden.

7. Fehlendes ergänzen. Deren MOOC ist dein MOOC.

8. Erwartungshaltung überdenken. It’s not size that matters. Gerade George Siemens weiß, wovon er spricht und einigen Lesern werden auch die Erfahrungen von Christian Spannagel bestens bekannt sein. Der Punkt ist: man braucht kein großes Netzwerk, man braucht ein funktionierendes Netzwerk. Man braucht nicht viele Kommentare zu einem Beitrag, man braucht gute Kommentare. Bis zum Gefühl der inneren Taubheit Facebook-Freunde adden war gestern. Heute sind wir schlauer und ab heute wird gelernt.

9. Ausdauer. Der Prüfstein soll sein: drei Monate lang täglich twittern, ein Blog-Post pro Woche (die nehmen um einiges mehr Zeit in Anspruch als ein Tweet oder ein Beitrag auf G+…) und drei Kommentare zu Blogbeiträgen anderer. Und das drei Monate lang ernst nehmen. Wir werden ja sehen, was dabei raus kommt.

Literatur:
Bräuer, Gerd (Hg.) (2009): Scriptorium. Ways of interacting with Writers and readers ; a professional development program . 1. Aufl. Freiburg, Br: Fillibach-Verl.

#Change11 about to lift off

13. September 2011, by daspi No comments yet

So one oft he most promising MOOCs in 2011, #Change11, is about to start – from next week on, everyone has got the chance to take part in 35 weeks of MOOCing on the changes within the field of education. The facilitators have put some invitational videos online which shall quickly be covered in this post:

Stephen Downes:
The organizers‘ goal for 2011 at the beginning of the year was to talk to educators contributing to #edchat and ask them about their contribution to the field. By the end of the year, the figured, they’d be able to offer some kind of snapshop about the status quo in the field.
It’s up to the participants, if they just want to follow along and not participate or if they want to become active participants. The guys behind the scenes will take the task of curating all the contributions and make them accessible to everyone else. Stephen Downes “warns” the participants in advance, that there will be a lot more material then anyone can deal with. But somehow, that’s what a MOOC is all about, isn’t it – everyone is allowed cherry picking – you take what you want and how much you want and you work these ingredients into your dough and maybe you add a dash of your own opinion, you  let it sit for a while or bake it right away, and while you wait you take the time to look over someone else’s should to see what they’re up to and how the approach the whole bakery task, and finally you come up with a cake that is unique but still a cake like so many others, some of which you like and some of which you don’t necessarily have to have for yourself, and people wander around and nibble here and there and find other cakes they like and they begin to ask for recipes before they get back to the kitchen to start all over again.

Dave Cormier:
About 30 experts from eleven countries will contribute to #Change11. They’ll offer their perspective on how education is changing and provide an overview of their own contribution to that change. About 1.300 people have signed up for #Change11. Any kind of participation is welcome – you wanna be a “lurker” – well then: lurk!

George Siemens:
Each of the 35 #Change11-weeks is a self-contained week. The contributors, with whom the participants may interact to whatever degree they feel comfortable with, are at the forefront of change within the field of education. A variety of technologies will be used for communication and exchange within the MOOC – and that’s what’s so exciting about it: there WON’T be some closed LMS platform (Moodle and the like). I’m interested to see how the facilitators think they could minimize the chaos connected to a wealth of contributions. The first week is an attempt to provide a smooth way into MOOCing.

If you want to keep an eye on what is happening around #Change11, check out the scoop.it-page curated by Paul Simoes (and the courses own pages, of course).

#opco11 – Und was nun? Eine Reaktion auf Lore Reß

13. Juli 2011, by daspi 7 comments

Ich hatte in den vergangenen Monaten die Gelegenheit, ein Weiterbildungsangebot zu nutzen, bei dem ich (als Lerner mit akademischem Hintergrund und Interesse) ein e-Learning-Angebot in einer Gruppe wahrnahm, in der ein Großteil der Teilnehmer die Weiterbildung vom Chef verordnet bekommen hatten. So nach dem Motto „E-Learning klingt trendy, vielleicht kann man das Geld sparen, macht das mal.“

Im Rahmen dieser Weiterbildung wurden einige Fragen angeschnitten, die Lore Reß in ihrem aktuellen Blog-Beitrag zur letzten Woche des #opco11 ebenfalls anspricht und so seien denn kurz einige meiner Eindrücke hier festgehalten.

Offene oder geschützte Umgebung und wie werden Unternehmen auf dieses Format reagieren?

Bei dieser Frage war ich überrascht von der Skepsis, die PLEs gegenüber zum Vorschein kam. Schnell brachte man da die schrecklichen Tentakel der Datenkrake auf’s Tablett, Facebook beforscht seine Nutzer anhand ihrer Daten, bei zunehmend verschmelzenden PLEs und VLEs gelangt zu viel privates ins Netz; es ist aus Moderatorenperspektive kaum zu „kontrollieren“, wenn viele verschiedene Kommunikationskanäle benutzt werden; offene Umgebungen erschweren fokussiertes Lernen, da auf allen Kanälen immer auch jede Menge Beifang mitströmt – gerade für Lerner, denen die Differenzierung „wichtig-unwichtig“ schwer fällt, können schnell den Überblick und somit die Motivation verlieren; Lernen heißt Fehler machen, öffentlich lernen heißt öffentlich Fehler machen – sind wir als Gemeinschaft reif genug, um damit sachlich genug umzugehen?

Wir haben ja im Verlauf der letzten Wochen gelernt, dass die Idee geschützter Lernumgebungen im Grunde nichts weiter ist als die Übertragung des alten Lehr-Lern-Paradigmas auf das Internet, angereichter vielleicht mit ein paar fancy Multi-/Social Media-Elementen. Offene Umgebungen verlangen ein höheres Maß an Medienkompetenz und sind flüchtiger als die im Grunde immer gleich aussehende Moodle-Oberfläche. Tools kommen und gehen, manche mit Potenzial für’s Lernen, andere erweisen sich als Luftnummern. Manche probieren als early adopters gerne selbst alles aus, andere warten ab, was die early adopters entscheiden. Manche lernen in diesem Prozess, andere lenkt er vom Lernen ab.

Um die Anbindung an die Frage von Lore Reß zu schaffen – im Bezug auf das e-Learning in Unternehmen denke ich, offene Lernumgebungen werden es hier schwer haben. Da sind zum einen Leute, die eigentlich gar keine Interesse am Lernen haben, die lieber von 9 bis 5 mit der Nase in der Finanzbuchhaltung stecken und die werden sich einen feuchten Kehricht um Twitter, G+ und Blogs scheren – zumindest während der Arbeitszeit. Und wenn die dann vorbei ist, gehen sie nach Hause und machen irgendwas anderes, aber nur die wenigsten werden sich auch im Feierabend noch an den Computer  hocken und Blogs lesen oder Tweets absetzen.

Hinzu kommt natürlich die Tatsache, dass Offenheit nicht unbedingt das ist, was sich Leute aus Wirtschaft und Industrie an erster Stelle wünschen. Die Leute,  die ich bisher getroffen habe, die nicht aus dem Akademischen kamen und sich e-Learning angeschaut haben, die wollen gar keinen öffentlichen Beitrag in eine diffuse Gemeinschaft der Netzlernenden einspeisen. Die wollen nicht für ein schwammiges „Wir“ produzieren, das sie nie mit eigenen Augen gesehen haben. Und die haben überhaupt kein Interesse an einem kollektiven Lernprozess, der über die Facetten des eigenen Tätigkeitsbereiches hinausgeht.

Mein Eindruck nach nunmehr sechs Monaten Weiterbildung mit Leuten von außerhalb der Uni ist daher, dass betriebliches Lernen in geschlossenen Umgebungen wohl besser aufgehoben ist. In den meisten Fällen werden die Leute nicht die Zeit und Lust haben, die eine Einarbeitung in Web 2.0-Werkzeuge verlangt. Ich habe betrieblich Lernende kennen gelernt, die sich sagen „Ich sitze hier von 9 bis 5, muss heute in der Zeit X, Y und Z erledigen und dann nebenbei noch ein bisschen was e-lernen weil’s der Chef so will – wie gesagt, bis 5 hab ich Zeit, gib mir Inhalte und ich klick mich durch.”

Wenn ich wieder in Richtung Uni schiele, habe ich da etwas mehr Hoffnung. Ich frage mich aber auch gerade jetzt post opco: Wie lässt sich das opco-Konzept sinnvoll in den akademischen Lehrbetrieb einbinden? Welche Anliegen haben die opco-Teilnehmer diesbezüglich, in welchen Kontexten würden sie selbst opco-Spirit in ihre Lehrveranstaltungen tragen und v.a. welche konkreten Szenarien sind in welchen Kontexten denkbar und angedacht?

Wie viel Führung/Anleitung benötigen Teilnehmer, um motiviert mitzuarbeiten?

Eine Antwort auf diese Frage hängt glaube ich davon ab, was man unter „Führung/Anleitung“ versteht. Anleitung im Sinne einer „How To“ wie man twittert, googleplusst oder blogt ist in offenen Umgebungen vermutlich überflüssig. In geschlossenen Lernumgebungen mit nicht so lernaffinen TN wird man hier aber vermutlich einiges mitdenken müssen.

Was das Maß an Führung in offenen Formaten angeht, haben die Veranstalter des #opco für meinen Geschmack eine sehr gute Balance getroffen. Ich für mich ersetze die Begriffe „Führung“ und „Anleitung“ lieber mit dem Begriff von „Lernanreizen“ (incentives, teaser). Ich verspüre sehr selten das Bedürfnis nach „Führung“ oder „Anleitung“. Ich habe aber immer Hunger auf Lernanreize. Solche Lernanreize erfasst die Sprachlehr- und –lernforschung mit Blick auf den unterrichtlichen Diskurs in sog. Input-Hypothesen. Die bekannteste von Stephen Krashen (1982) postuliert, dass der Mensch Sprache durch Kontakt mit „verständlichem Input“ erwirbt. Dabei findet Lernen dort statt, wenn die kognitiven Ansprüche des Lerninhalts minimal über dem momentanen Kompetenzgrad des Individuums liegen (Krashens berühmtes „i+1“). Verständnis wird dabei durch den Kontext und außersprachlichen Input ermöglicht. Wenn man das „i+1“ dann einmal selbst erfolgreich eingesetzt hat, wird es zunehmend automatisiert, man muss zum Lernen demnach  auch zum Produzenten werden. Das letzte Postulat von Krashens Input-Hypothese ist imho auch für das e-Learning relevant und wert, aus Edmondson/House (2006:263) zitiert zu werden: „Die Fähigkeit zur Sprachproduktion entwickelt sich von selbst. Sie wird nicht direkt gelehrt.“
Also: meine Antwort auf Lore Reß` Frage (die von anderen sicher anders beantwortet wird) ist: Anleitung und Führung ersetze ich durch Lernanreize und die sollen mich fordern, aber nicht überfordern. Dazu suche ich Kontakt zu Leuten, die kompetenter sind als ich. Meine Fähigkeit zu lernen entwickelt sich von selbst. Sie muss nicht direkt gelehrt werden.

Wofür zahlen die Teilnehmer?

Schwierige Frage. Rückblickend auf die o.g. Weiterbildung habe ich vermutlich für ein Zertifikat bezahlt. Beim #opco habe ich nichts bezahlt aber mächtig was dazu gelernt. Ist doch irgendwie ungerecht, oder?
Vielleicht sind irgendwann die Kontakte, die wir zueinander knüpfen, nicht mehr kostenfrei. Vielleicht geht es irgendwann nicht mehr so leicht, andere Leute etwa wie bei G+ in irgendwelche Kreise zu stopfen, auf dass sie unseren Stream mit substanziellen Beiträgen füllen mögen. Vielleicht bezahlen wir uns irgendwann gegenseitig Mikrobeträge für die subjektiv wahrgenommene Nützlichkeit des Austausches?

Welche Medien/Tools können speziell im Unternehmensfeld eingesetzt werden?

Not my piece of cake. Ich erinnere mich dabei aber an ein Statement, dem ich letzte Woche auf G+ begegnet bin, wo irgendjemand sowas geschrieben hat wie „And people – please – leave your mothers at Facebook“. Ich hoffe, Unternehmen bleiben weiter bei geschlossenen Tools.

Wie viele Teilnehmer müssen es sein, gibt es eine Obergrenze an zahlenden Teilnehmern?

Die gibt es bestimmt, wenn alle gleich engagiert sind. Erinnern wir uns an die achte opco-Woche: Bei Etherpad liegt die Obergrenze bei 16 TN. Nur waren in manchen Pads halt auch einfach Leute, die nichts beigetragen haben, die dann potenziellen Produzenten die Plätze weggenommen haben. 16 Leute gleichzeitig aktiv in einem Etherpad – sounds like stress to me! 16 TN, bei denen nur drei was eintippen und der Rest sich bespaßen lässt – *gähn*. Also synchron sind da – wie in jedem Präsenzunterricht – wohl irgendwo Grenzen.

Asynchron darf’s ruhig auch ein bisschen mehr sein. Beim #opco etwa hätte ich durchaus noch einige aktive Blogger mehr vertragen. Aber das gibt’s ja dann vielleicht bei #change11?

Und zum Schluss noch die Frage von Lore Reß, ob G+ mehr Orientierung hätte geben können: Mir vielleicht schon, weil mein Auge den G+-Stream als übersichtlicher wahr nimmt als das Getwittere, aber vielleicht hab ich auch nur zu wenig Erfahrung mit Twitter.

 

Currently on my mind: Notable quote

"I find myself often idle, vagrant, stupid and hollow. This is somewhat appalling and if I do not discipline myself with diligent care I shall suffer severly from remorse and a sense of inferiority hereafter. All around me are the industrious and shall be great, I am indolent and shall be insignificant." (Ralph Waldo Emerson)

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