Mal abgesehen von der andauernden Bundespräsidenten-Diskussion scheint derzeit in der deutschen Bildungsblogger-Szene (wieder mal) ganz viel Harmonie zu herrschen – alle sind Freunde und haben sich im Grunde einfach nur lieb. Das ist an sich ja nichts Neues, denn darüber schreiben die aktiven Social Media-Manager (egal ob nun die mit oder ohne Zertifikat) im Grunde ständig. Ablesen lässt sich die Harmonie auch an der Diskussion rund um Prof. Spannagels kürzlichen Vortrag und die anschließende Aufarbeitung desselben.
Sinnfreies digitales Geplappere (“Baby, frischer Majoran ist echt der Kracher!” oder “Linsensuppe in the making”) bezeichnet Prof. Spannagel ja immer als “sozialen Kitt” – so auch im aktuellen Fall. Ich bin von diesem Konzept nicht so ganz überzeugt.
Als ich angefangen habe, mir meine Social Media-Quellen zusammenzubasteln, achtete ich bald in erster Linie darauf, diesen “Kitt” und übermäßige Selbstinszenierungen aus meinem Netzwerk raus zu halten; auch war und ist mir die Idee eines Freundesnetzes, das regelmäßig mit “Kitt” zusammengeklebt werden muss, befremdlich. So sind alle Latte Macchiato-Twitterer aus meinen Quellen verschwunden; die, die noch da sind, liefern überwiegend inhaltlichen Input und somit für mich echten Mehrwert. (Es gab da tatsächlich mal einen, der durch die Republik gefahren ist und mehrmals am Tag Bilder von den gepanschten Kaffeegetränken vertwittert hat, die er sich einverleibte, immer mit der genauen Google Maps-Angabe dazu… – ich denke, sowas muss man gar nicht weiter kommentieren, wenn man es nicht mit RTL2-Zuschauern zu tun hat, “Kitt” hin oder her.)
Ich würde meinen, soviel “Freundschaft” und “sozialer Kitt” tut gar nicht Not. Wenn ein träger Mensch von vier, fünf aktiven Menschen umgeben ist und sieht, dass diese vier oder fünf Menschen voran machen und vorwärts drängen, ist es für den Einzelnen einfach leichter, ebenfalls aktiv zu werden – Freunde oder nicht. Und so empfinde ich das Agieren einiger amerikanischer Kolleginnen auf G+ als äußerst beschwingend, ohne dass man sich groß Gedanken um die soziale Komponente machen würde. Ein “nice to have” für manche, aber kein “must have”.
Nun kann man aber ja nicht behaupten, Prof. Spannagel habe mit seinen Followern nur virtuelle Freunde – schließlich trifft sich das “Who is Who” der deutschen Bildungsblogger immer wieder mal (vielleicht bei einem Vortrag von Dueck oder beim EduCamp und dann entpuppen sich anscheinend – ob man das will oder nicht - auch auf den ersten Blick vielleicht spröde Lehrerinnen als Milchmixgetränkmöger mit gewissen Phantasien). Dass sich Freundschaften herausbilden liegt daher vermutlich nicht allein an der virtuellen Kommunikation, sondern eben auch an der realweltlichen Interaktion; beides zu konzertieren gelingt dem Zampano aus Heidelberg auf unvergleichliche Weise, mir aber fällt es dabei schwer, online- und offline-Effekte klar voneinander zu trennen.
Deswegen frage ich mich: Muss man online wirklich “Freunde” machen, um lernen zu können? Wieviel “Freund(schaft)” muss denn in einer virtuellen Beziehung stecken, deren vornehmlichster Grund das Lernen sein soll? Kann auch jemand, dem der Sinn nicht nach “Freundschaft” steht, erfolgreich im Web 2.0 lernen?
Laut Wikipedia beruht “Freundschaft” auf “Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung”. Mit den beiden letzten Begriffen kann ich noch was anfangen, “Zuneigung” aber hat in der Wikipedia leider keinen eigenen Eintrag und bleibt mir daher vorerst etwas schleierhaft. Der Duden meint, es handle sich dabei um ein “deutlich empfundenes Gefühl, jemanden, etwas zu mögen, gernzuhaben”. Mir ist das im Lernkontext meiner Wahl etwas zu dick aufgetragen und so frage ich mich weiter: Was ist mit Beziehungen, in denen zwar “Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung” vorliegt, in denen man aber nicht auch noch “Zuneigung” haben muss? Wie nennt man eine solche Beziehung? Ein “kollegiales Verhältnis” vielleicht? Ja, das ist mir angenehmer.
Nochmal kurz zum “Kitt”: Gerade in Gesprächen mit Social Media-skeptischen Kollegen und Studierenden höre ich immer wieder heraus, dass eben das eine verbreitete Befürchtung ist – dass das Engagement im Netz letztlich doch nur ein Zeitfresser sein wird, weil zu viel Unsachliches kommuniziert wird und da schrecken Salat-oder-Suppe-Geschichten tendenziell eher ab, als dass sie zum Ausprobieren motivieren. V.a. solche Kollegen, die privat ausreichend eingebunden sind (etwa durch Familie u.ä.), sind von den Vorzügen des Netzes hinsichtlich Zusammenarbeit und Lernen nicht aus dem Stand zu begeistern. Getting Things Done statt Sozialgekitte. Solche Kollegen empfinden kollektive virtuelle Umarmungen meinem Eindruck nach eher als befremdlich und “sozialen Kitt” als Interferenz, die die inhaltliche Arbeit verrauscht und soziale Energien abzieht, die man wenn überhaupt dann lieber ins RL als virtuell investiert.
Die Behauptung “Menschen sind in erster Linie nicht an Inhalten interessiert, sondern an Menschen” ist mir dann auch etwas zu pauschal. Ich werde von einigen Menschen mit für mich relevanten Inhalten versorgt, ohne dass ich wüsste, was diese Leute sich gerade kochen, welche Musik sie konsumieren und ob sie Kinder haben. Es ist mir halt auch wirklich herzlich egal und ich bezweifle, dass ich damit tatsächlich so allein dastehe. Ich respektiere diese Menschen und vertraue (zwar nicht wirklich ihnen, aber doch immerhin) ihrem professionellen Urteil. Den Unterschied zwischen einer solchen Haltung und dem, was Prof. Spannagel in seinem Blogeintrag zum Ausdruck bringt, meine ich auszumachen, wo er das schlechte Gewissen beschreibt, das er seinem digitalen Netzwerk gegenüber empfindet, wenn er bei einem Vortrag mit Twitterwall nicht genügend auf die auflaufenden Tweets eingehen konnte: “Es sind meine Freunde, und ich beschäftige mich zu wenig mit ihnen während des Vortrags.” In so eine Zwickmühle möchte ich selbst lieber nie kommen und ich bin vermutlich auch weit weg davon, weil ich zwischen einem lernenden Rhizom aus Kollegen und “Freunden” doch deutlich unterscheide. Ich möchte nicht mehr Verantwortung für die empfinden, die sich den Bobbes im Bürostuhl vor dem Computer platt sitzen als für die, die die Mühe auf sich nehmen, zu einer Präsenzveranstaltung zu gehen und ich schätze, bei mir als physisch präsentem Zuhörer käme es etwas seltsam an, wenn der Vortragende meinte, nebenbei sein digitales Netzwerk bespaßen zu müssen. Was konkret sollte für wen der Mehrwert sein? Was ist wichtiger bei einem Vortrag – die Interaktion mit dem Publikum oder das, was ohnehin von früh bis spät online durchgenudelt wird?
Mit einigen interaktiven Nebelkerzen lässt sich in Vorträgen sicher einiges an Bohai machen, gerade vor älterem Publikum vielleicht, gerade vor Publikum vielleicht, dass sich bisher wenig mit den Möglichkeiten des Web 2.0 beschäftigt hat. Was soll damit konkret bei wem erreicht werden? Läuft das präsente Publikum nicht Gefahr, in einem Maß absorbiert zu werden, bei dem es sich praktisch kritik- und damit folgenlos der Inszenierung hingibt? Wie bei Brechts Ausführungen zum (epischen) Theater könnte die Einfühlung in das Gezeigte und vielleicht ja auch genau die Einfühlung / “Zuneigung” (siehe oben) dem digitalen Netzwerk gegenüber der problematische Punkt sein, da sie (also die Einfühlung) nach Brecht den Blick auf Alternativen und die eigenen Bedürfnisse versperrt und damit eine konstruktiv-kritische Reflexion der dargebotenen Inhalte unterbindet. Das umschreibt grob das Gefühl, das mich etwa beim Konsum der kollektiven EduCamp-Nachlesen etc. immer wieder beschleicht.
Und um den Gedanken an Bertolt Brecht zuende zu denken: Recherchiert man in der Wikipedia zum Lehrtheater, findet man eine weitere, m.E. ebenfalls in den hier thematisierten Kontext passende Facette:
“Bewusst einfach gehalten, wendeten sich die Lehrstücke vor allem an Laien, die sich durch eigenes Spiel oder Beteiligung an Aufführungen aktiv mit Problemen der Zeit auseinandersetzen sollten.”Und wie beim Lehrstück, so scheint mir auch das Lehrtheater 2.0 in erster Linie auf “Gemeinschaftserlebnisse” und kollektive Rundumbespaßung abzuzielen. Doch:
“Das Theater bleibt Theater, auch wenn es Lehrtheater ist, und soweit es gutes Theater ist, ist es amüsant” (Brecht, “Das epische Theater”, 1963).Nach gut 80 Jahren ist Brechts Vision nun also in der Wirklichkeit angekommen und daher aufgemerkt und also! – Bühne frei für das “Theater für ein wissenschaftliches Zeitalter” (ibid.).
Vielen Dank für diesen kritischen Beitrag! Lass uns gerne in die Diskussion darüber einsteigen!
Zunächst einmal zur Twitternutzung: Ich denke, es gibt “solche” Menschen wie dich, die eher stark selektiv vorgehen und versuchen, nicht-inhaltliche Information herauszuhalten, und es gibt “solche” wie mich, die gerade auch die persönlichen “Quatsch- oder vermeintlichen Sinnlos-Tweets” bei Twitter schätzen. Und es gibt Menschen, die Twitter gar nicht nutzen, z.B. weger Masse an solchen Tweets. Und es gibt sonst noch zig weitere Nutzungsformen, vermute ich. Die Tatsache, dass so viele “Sinnlos-Tweets” geschrieben, gelesen, retweeten usw. werden, und die Tatsache, dass gerade dieses Kommunikationsverhalten auf Twitter immer wieder Anlässe für Kritik auch in den traditionellen Medien bietet, lässt für mich aber den Schluss zu, dass es ziemlich viele Twitterer gibt, die so etwas mögen und auch schätzen. Und: Die Menschen, die in dem Raum saßen, hatten alle schon mal was von Twitter und Sinnlos-Tweets gehört, selbst aber Twitter noch nie gesehen und erlebt. Was liegt also näher als genau dies zu demonstrieren und zu diskutieren?
Wie macht man nun einen Vortrag “über” Twitter? Wie vermittelt man Menschen, die keinerlei Vorstellung von Twitter haben, was Twitter ist? Ich denke, am besten, indem man ihnen Twitter zeigt. Das war mein “Plan”: Twitterwall, und eins, zwei Fragen über Twitter stellen. Der oberste Tweet in meiner Timeline war aber ein “nicht-inhaltlicher” Tweet, nämlich der Majoran-Tweet von @ankegroener – natürlich ungeplant, es hätte auch irgendein Tweet über Gauck oder über ein Link zu einer Seite einer Online-Zeitung sein können. Egal, es war der Tweet von @ankegroener. Also bin ich darauf eingegangen und habe erläutert, dass es solche Tweets gibt und warum (aus meiner Sicht). Die Dynamik, die sich anschließend entwickelt hat, wurde nicht von mir vorgegeben, sondern überwiegend von den beteiligten Personen, und enthielt sowohl inhaltliche als auch nicht-inhaltliche Aspekte. Ich habe zunächst “inhaltliche” Fragen über Twitter gestellt (“Warum sollte man Facebook (nicht) nutzen…”, um zu verdeutlichen, wie man sein Expertennetz “anzapft”. Als ich die Teilnehmer anschließend aufgefordert habe, weitere Fragen an die Twitter-Leute zu stellen, kamen sowohl inhaltliche (“Was ist mit Authentizität?”) und nicht-inhaltliche (“Was kocht @otacke denn?”) – wobei ich den Eindruck hatte, dass eben genau nicht nicht-inhaltlichen am meisten Spaß gemacht haben. Dies hat mich zu der (vielleicht zu pauschalen) Aussage verleiten lassen, dass Menschen eben doch mehr an Menschen als an Inhalten interessiert sind. Letztlich lief sowohl die Online- als auch die Offline-Diskussion genau so, wie ich (und sicher nicht ich allein) Twitter “empfinden”. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe keine Twitter-Werbung gemacht, sondern wir haben das durchweg kritisch diskutiert (“Information Overflow”, “mein Ausstieg vor einiger Zeit”, “Suchtgefahr” usw…). Die Zuhörer waren ausgesprochen neugierig. Es war alles andere als eine kritiklose Hingabe zu sehen, sondern im Gegenteil: Das Szenario hat die Kritik geradezu provoziert! Von meinem eigentlichen Vortrag konnte ich nur ca. die Hälfte zeigen, weil die Fragelust der Zuschauer so groß war und die unerwartet intensive Kommunikation über Twitter ebenfalls Aufmerksamkeit erforderte. Letztlich war das ganze natürlich ein “Lehrtheater” (Den vergleich finde ich passend), und ich denke, abends um 19 Uhr, nach einem ganzen Tag Vorträgen etc., ist das auch genau das richtige. Ich habe mir schon manches mal ein Lehrtheater mit einer gehörigen Portion Spaß anstelle eines akademischen Vortrags gewünscht.
Der Begriff “Freund” ist im Netz durchaus mit anderen Bedeutungen versehen, und so meinte ich es auch im Satz “Es sind doch meine Freunde” (gleichbedeutend in etwa wie “meine Kontakte/Bekannten/Follower auf Twitter”). Diese Menschen haben sich abends die Zeit genommen, bei dem Lehrtheater mitzuwirken. Ich finde, das ist nicht selbstverständlich, und ich will keinesfalls den Eindruck erwecken, dies nicht wertzuschätzen. Ich hatte aber Bedenken, dass ich dadurch, dass ich selbst kaum in Twitter agieren konnte, den Eindruck erwecken könnte, diese Personen in diesem Kontext “auszunutzen”, und dieses Gefühl habe ich in meinem Weblog einfach mal geäußert und – zur Diskussion gestellt.
Vielen Dank für den Kommentar. Du sprichst es in Deinem Blog-Beitrag selbst an: sehr schade, dass das nicht gestreamt wurde. Ich hätte sehr gerne auch mal Bewegtbilder vom Publikum gesehen – gerade auch von der bei #vile12 anwesenden Zielgruppe. Ich könnte dann vermutlich auch das Verhältnis zwischen den besprochenen Inhalten und dem “Kitt” besser beurteilen. Gerade wenn das Offline-Publikum tatsächlich gleich mal anfängt “mitzukitten” bringt mich das zum Nachdenken. Warum ist das so, was ist das für ein Publikum und worin unterscheidet es sich von Kollegen, die ich zwar gerne digital, vernetzt und offen in meinem Netzwerk hätte, die sich aber einfach nicht darauf einlassen mögen… Unter welchen Umständen finden Menschen Menschen interessanter als Inhalte…
Ganz bestimmt ist der pratische Ansatz bei der Heranführung an Twitter sehr sinnvoll. Aber ist in situ die Auseinandersetzung mit Banalitäten für Dich als Dozenten (unassende Begrifflichkeit, ja, aber eben die Rolle…) nicht irgendwie unbefriedigend? Ich stelle mir vor, ich stelle Twitter als Facette eines funktionierenden PLE vor und will darauf hinaus, dass es ein Lernwerkzeug ist. Vielleicht hatte ich bisher nur einfach arg kritische Studierende vor mir, aber wenn die dann bei der Vorstellung sehen, dass die Social Network-Interferenzen, die sie i.d.R. bereits von Facebook her kennen, auf Twitter genau so die Auseinandersetzung mit Inhalten verwässern, mag der ein oder andere auch meinen “Brauch’ ich nicht auch noch, bin ja auf Facebook.” Wie machst Du deutlich, dass Twitter eben nicht Facebook ist und durchaus lerndienlicher? (Die Ergebnisse Deiner Frage zu Facebook or not sowie eine Reflexion derselben fände ich im Übrigen höchst spannend…)
Weißt Du oder kannst Du abschätzen, wie viele der Zuhörer bei #vile12 Mikroblogging in ihre eigenes Online-Handeln einbinden oder demnächst einbinden werden? Das interessiert mich auch.
Ist die “Suchtgefahr” für alle Altersgruppen gleich groß? Woran genau macht die sich fest – am Inhaltlichen, am Nebensächlichen oder an einer Mischung aus beidem – vermutlich letzteres, stark subjektiv sicher, was spielt da mit rein? Da hast Du aus der Zeit vor Deinem zeitweiligen Ausstieg vermutlich Erfahrungen, die Du bereits verbloggt hast?
Hallo Daniel,
ich selbst war mit von der Partie und auch eine derjenigen, die das “Setting” im Nachhinein als positiv bewertet haben. (http://lernspielwiese.wordpress.com/2012/02/21/wir-waren-verdammt-viele-bei-vile12/)
Dies deshalb, da mir Universität wie ich sie bisher kennen gelernt habe, immer zu “kalt”, distanziert, arrogant daherkam. Was Du als übertrieben freundschaftlich, als Arbeit machend ohne dass demgegenüber ein anderer Vorteil als das gemeinsame Wohlfühlen herausspränge empfindest, hat es mir erst ermöglicht, überhaupt mal einen Fuß in den wissenschaftlichen Bereich zu kriegen.
Konkret: Meine erste Buchveröffentlichung wurde überhaupt nicht wahrgenommen. Also flossen die dort niedergelegten Erkenntnis auch nicht in den Diskurs ein. Heute läuft das ganz anders. WEIL ich Menschen mag, wage ich danach zu fragen, ob man nicht gemeinsam einen Artikel publizieren könne, ob jemand mal einen unveröffentlichten gegenlese. Was von Dir als “Sozial-Gedönse” empfunden wird, war mein Umweg ins Publizieren hinein.
Du hast halt einfach nur einen anderen Weg genommen. Aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen?
Worauf ich hinaus will: Warum nicht ein “anders machen” zulassen (Du must ja nicht zwangsweise mitmachen), wenn es für anders “gestrickte” Menschen einen alternative Weg darstellt, auch dahin zu kommen, wo Du Dich schon befindest?
@Monika Danke für Deinen Beitrag. Mit dem Publizieren fokussierst Du auf einen interessanten Aspekt, den ich in dieser Deutlichkeit nicht im Auge hatte. Mir war gar nicht so bewusst, dass ich ‘mich diesbezüglich schon irgendwo befinde’. Ich wollte auch gar nicht ausgesagt haben, dass ein “alternativer Weg” für mich unzulässig ist – das zu behaupten wäre wohl auch etwas anmaßend. Im Gegenteil – alternative Wege scheinen mir in dieser Sache sogar mehr als angeraten: Wenn ich überlege, dass ein Artikel, den ich im ersten Quartal 2011 fertiggestellt habe erst ein Jahr später in gedruckter Form vorliegt, wenn Inhalte schon fast wieder überholt sind, liegt es angesichts der Diskurse, die online geführt werden sogar sehr nahe, diese Alternativen ernsthaft zu betrachten…
Ich habe also durchaus nichts gegen ein “anders machen”, ich denke nur darüber nach, was ich eigentlich von Studierenden verlange, wenn ich ihnen digitales, vermetztes und offenes Arbeiten nahelege – schicke ich damit diejenigen, die (aus welchen Gründen auch immer) nicht so sehr auf zwischenmenschliche Interaktion aus sind in eine Sackgasse, weil mit ihnen und ihren Beiträgen genau das passieren wird, was Dir mit Deiner ersten Buchveröffentlichung wiederfuhr… Ich bin mir in dieser Sache einfach (noch) nicht schlüssig und da ist es vermutlich ganz gut, dass ich vorerst ePortfolio-Arbeit mit Studierenden mache. Das ist digital, ein bisschen vernetzt und so offen, wie die Studierenden sich das wünschen. Ich hoffe, ich kann damit genau das erreichen, was Du zurecht einforderst – genug Freiraum für “anders gestrickte”…
Sehr guter Text, der endlich auch mal den Kuschelton in der Echokammer aufs Korn nimmt. Sehr schön: Der Hinweis auf Dueck. Wie euphorisch-unkritisch dessen zum Teil absurde Thesen bei den Bloggern und Twitterern gefeiert werden, ist grotesk.
Vielleicht als Ergänzung ganz gut, wenn auch etwas älter und vielleicht schon bekannt:
http://www.heise.de/tp/artikel/35/35958/1.html
Da geht es auch um die Echokammer und Twitter und die Bloggerlehrer und Aufmerksamkeit und Educamps…
@Berta Danke.
Ob ‘Kitt’ oder nicht ‘Kitt’ — dazu gibt’s sogar eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung: “Who gives a tweet: Evaluating Microblog Content Value” (Unter folgendem Link sind der Originalbeitrag und ein Artikel dazu abgelegt http://bit.ly/wxYPDn). Ich finde mich als Twitter-Anfänger in den Ergebnissen des Artikels durchaus wieder und kann daher die Kritik an einem zu viel an Kitt durchaus nachvollziehen.
@Thomas Bröker Dankeschön für den Link, der Artikel nennt ja auch noch die ein oder andere potenziell spannende Quelle – werd’ mich mal umschauen…
Sorry für meinen redundanten Link-Tipp, hatte auf den “Educamp” link nicht geklickt…Aber immerhin hatte ich dieselbe Assoziation
Ich war an dem „Lehrtheater“ über Twitter beteiligt und habe es in mehrfacher Hinsicht als anregend und gewinnbringend empfunden. Beispielsweise als Methode, um Twitter auch für Anfänger verständlich zu machen aber auch als weiteren Test zum Einsatz von Twitter als Medium für Lernzwecke. Ich verstehe Ihre Kritik an den sogenannten „Wurstsemmeltweets“, teile sie in einigen Bereichen und komme dennoch zu einem anderen Ergebnis.
Als ich Twitter zum ersten Mal ausprobiert habe, waren es exakt diese sinnlosen Tweets, die mich schnell und entnervt wieder flüchten ließen. Es ist mir auch heute noch reichlich gleichgültig, wer wo was isst und die „Bürgermeisterwahlen“ bei Foursquare gehen mir immer noch auf die Nerven. So ganz möchte ich auf den „sozialen Kitt“ aber trotzdem nicht verzichten, weil ich denke, es geht um Aufmerksamkeit und auf wen ich sie richte. Meine persönliche Aufmerksamkeit wird nicht allein durch den Inhalt eines Tweets oder die fachliche Wertschätzung gelenkt sondern auch durch Emotionen. Man kann es als Zuneigung bezeichnen, was ich in vielen Fällen übertrieben finde, man kann es Sympathie nennen. Wenn Sympathie im Spiel ist, behandle ich eine Person mit anderer Aufmerksamkeit als bei neutraler Haltung oder Antipathie. Beim Lernen sehe ich es ähnlich. Es fällt mir leichter mit und von einem Menschen zu lernen, den ich nicht nur fachlich sondern auch menschlich schätze, der mir sympathisch ist.
Über die „Freundschaften“ bei Twitter und in anderen sozialen Netzwerken muss man nicht lange diskutieren. Ich betrachte die Verbindungen nicht als Freundschaften im eigentlichen Sinne aber auch hier denke ich, dass gelegentliche persönliche Informationen den Umgang miteinander erleichtern. Beispielsweise kann ich einen Menschen, der durch verschiedene Äußerungen das Bild eines großzügigen, freigiebigen Menschen von sich zeichnet, leichter um einen Gefallen bitten als den unnahbaren Verteiler von Informationen. Wenn mir also der „soziale Kitt“ den Menschen näher bringt, hilft es mir aus meiner Sicht auch beim Lernen.
„Je abstrakter der Inhalt, desto tiefer darf man in die pädagogische Trickkiste greifen.“ Ich weiß nicht von wem der Satz stammt aber nach meiner Meinung hat er seine Berechtigung. Ich finde, es ist nicht nur erlaubt sondern wünschenswert Lernen und Faszination miteinander zu verbinden. Wenn das klappt, weil der Lehrende es versteht einprägsame Bilder zu „malen“ oder weil er es im Chemieunterricht ordentlich knallen, rauchen und stinken lässt, ist es doch wunderbar. Wir wissen doch auch alle, dass der Zauberer das Kaninchen nicht verschwinden lässt und trotzdem erleben einige von uns die Magie des Augenblicks und sind verzaubert. Sind „magische Augenblicke“ beim Lernen nicht etwas ähnliches?
@Cornelie Picht Vielen Dank für die Anmerkungen. Ich kann Ihre Schilderungen gut nachvollziehen, auch wenn ich mich selbst darin nicht immer wiederfinde, was wohl unterstreicht, was @mons7 angesprochen hat. Bei den Ergebnissen sind wir uns einig, nur das emotionale Erleben ist anders.
Ich lese durchaus auch gerne Blogs von Leuten, die mir als Person wohl eher nicht “sympathisch” sind, die aber einfach klüger sind als ich. Nun mag ich mir als Lerner keine Lerngelegenheit entgehen lassen, nur weil ich emotional nicht empfänglich auf die Person reagiere – sobald sie für mich relevante Lernmöglichkeiten verteilt, bin ich Opportunist und trenne Inhalt und Person. Das aber funktioniert nur, wenn in der Lerngelegenheit beide Komponenten nicht unentwirrbar miteinander verwoben sind.
“Lernen und Faszination miteinander verbinden” – das gefällt mir sehr gut. Ein guter Anspruch an mein eigenes didaktisches Handeln.
“Aber ist in situ die Auseinandersetzung mit Banalitäten für Dich als Dozenten (unassende Begrifflichkeit, ja, aber eben die Rolle…) nicht irgendwie unbefriedigend?” – Tja, das ist jetzt die Frage: Sind es denn Banalitäten? In diesem Kontext ging es ja gerade um die “Demonstration” von Twitter – und wird ein banaler Tweet eben schnell zu einem anregenden Diskussionsanlass: Was sollen solche Tweets? Fühlt man sich dadurch gestört? Oder ist das vielleicht sogar wichtig? Insofern war der Linsensuppentweet gerade der Anlass für die weiteren Diskussionen und letztlich auch für die Diskussion hier… weit entfernt davon, eine Banalität zu sein, zumindest auf der “Meta-Ebene” (um die es hier ja ging). Insofern war ich sogar froh über diesen Tweet.
Als maßgeblichen Unterschied zwischen Twitter und Facebook würde ich sagen, Twitter ist “nachrichtenbasiert”, während Facebook “profilbasiert” ist. Ich weiß nicht, ob Teilnehmer aus dem Workshop heraus twittern werden – die Teilnehmer haben eine sehr kritische Haltung gegenüber Social Media (was prinzipiell ja auch in Ordnung und gerechtfertigt ist), einige von den Teilnehmern hätten aber am liebsten gleich im Anschluss einen “Twitter-Workshop” gehabt. Insofern habe ich für das nächste Mal mitgenommen, workshopmäßig auch mal gemeinsam Twitter auszuprobieren.
Ich habe allen Teilnehmern (die noch bis Donnerstag tagen) die Links zu den Blogbeiträgen zukommen lassen und hoffe, dass auch der ein oder andere Teilnehmer vor Ort seine Sichtweise in einem Kommentar darlegt…
Ich selbst habe die inhaltliche Arbeit als “suchtinduzierend” wahrgenommen: Die Flow-Effekte, die durch die Netzarbeit und die hohe Dynamik hervorgerufen wurden… Das habe ich hier einmal zumindest ansatzweise verbloggt (und griff letztlich Bertas Kritikpunkt an der “Kuschelatmosphäre” auf, damals als “Lobhudelei” betitelt):
http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/07/uber-radikale-vernetzung-und-radikale-ehrlichkeit/
http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/18/lobhudelei-ist-verboten/
Insofern mag ich gerade DIESE Art von Diskussion hier. @Berta, ich stimme dir vollkommen zu: Kuschelton bringt nicht weiter! Insofern ist das auch ein wichtiges Signal an mich, dass die Lobhudelei wieder Einzug zu halten scheint… dies muss wohl immer wieder diskutiert werden…
@Cornelie Ich würde dir bzgl. dem Punkt Sympathie zustimmen: Für mich lassen Linsensuppentweets ihrer Erzeuger sympathischer erscheinen, weil “menschlicher”. Wenn Prof. XYZ nur inhaltliche Tweets verfasst, mögen das interessante Inhalte sein, aber es entsteht keine “persönliche Ebene” zwischen uns, ich nehme eine große Distanz zwischen dieser Person und mir wahr. Dies verhindert evtl. den ein oder anderen Austausch – und das mag gut oder schlecht sein. Ich vermag es nicht einzuschätzen.
“nachrichtenbasiert” vs “profilbasiert”: Das Gleiche hat man schon sehr früh auch über Google+ gesagt – während es bei Facebook darum geht, wer du bist, interessiert auf G+ in erster Linie, was dich interessiert. Eine Diskussion über diese Tools wird sich hier nicht führen lassen, aber: Ich bin inzwischen überrascht, dass gerade angesichts der Nachrichtenbasiertheit UND der 140-Zeichen-Fessel Twitter ihr nach wie vor in erster Linie Twitter nutzt, was vermutlich daran liegt, dass euer Netzwerk nun mal da gewachsen ist und sich – einem Pilzgeflecht ähnlich – nicht mal eben so in eine neue Umgebung verpflanzen lässt – auch wenn ein neues Tool scheinbar einen größeren Funktionsumfang bietet.
Von mons7 hierher gelockt: Der Austausch hier ist doch ganz lehrreich und nützlich.
Es muss ja nicht jeder ständig nur Kitt liefern.
Die Schwan-kleb-an-Methode hat aber viele Wissenschaftsschulen begründet. (http://de.wikipedia.org/wiki/Schule_(Wissenschaft))
In meiner laienhaften Vorstellung verträgt sich die Trennung von Mensch und Inhalt nicht, weil der Mensch die Inhalte kommuniziert und diese Kommunikation eben mindestens zwei Ebenen hat: die persönliche und die inhaltliche. Warum sonst werden Lernende dazu angehalten, sich auch mit dem Menschen und (seiner) Geschichte hinter dem Werk zu beschäftigen (z. B. in der Literatur oder Musik)? Es geht dort nicht immer um Suppe, andererseits könnte diese erlernte, Hintergrund erforschende Arbeitsweise auch Anlaß für das Verhalten einiger Menschen in Netzwerken sein, danach zu fragen, wer eigentlich die Person hinter den Zeichen ist. (Das fehlt mir hier im Blog und macht mich unsicher.)
Das Lehrtheater hatte angeblich ein hohes Niveau, insofern ist der Blogbeitrag eine positive Kritik. Sie zeigt auch, dass die Formulierung “meine Freunde” im Urbeitrag von Beteiligten und Unbeteiligten völlig anders aufgefaßt wird. Ich fühle mich bis heute nicht davon angesprochen, obwohl ich mitgetwittert habe. Was bleibt, ist der Respekt.
@Kristina
“…wer eigentlich die Person hinter den Zeichen ist. (Das fehlt mir hier im Blog und macht mich unsicher.)” …
…. Zustimmung insofern, dass ich bei Kenntnis der Person den “verbratenen” Inhalt anders wahrnehme (eher ignoriere, oder eher relevant erachte).
… Das Fehlen der hat bei mir jedoch einen anderen Effekt/andere Effekte: 1. Ich bin mehr auf den Text zurückgeworfen, um zu beurteilen, ob ich den jetzt eher ignorieren oder eher als relevant erachten will und 2. das stachelt dermaßen meine Neugier an! Falls ich irgendwann mal in Hamburg sein sollte, würde ich wahrscheinlich versuchen, den @spani3l auf einen Kaffee zu kriegen. Und ich würde einiges dafür geben, den @fontanefan oder @apanat mal körperlich zwischen die Finger zu kriegen!
P.S.: Kann es sein, dass mit der Anzahl der Kommentare von einem die Rechenaufgaben schwieriger werden?
)
@Kristina Lucius
“Das Lehrtheater hatte angeblich ein hohes Niveau, insofern ist der Blogbeitrag eine positive Kritik.”
Oh, aber unbedingt. Ich bin immer ganz froh, wenn durchkommt, dass es nicht einfach Gestänkere oder dergleichen ist.
@Kristina Lucius und Caroline hinsichtlich Trennung zw. Person und Inhalt:
Aus schulischer Perspektive mag ich euch natürlich nicht widersprechen – dass ein Lehrer-Schüler-Verhältnis besser nicht einzig inhaltsorientiert ist, steht auch für mich außer Frage.
“Auch im Lehrer-Schüler-Verhältnis gehört es dazu sich mal über Hobbies etc. auszutauschen. Warum soll das in Twitter nicht ähnlich sein?”
Das kann ich nur für mich beantworten: Weil das Netz eben gerade kein Klassenzimmer ist. Ich (als Person) möchte eigentlich am liebsten gar nicht im Netz sein, für mich als Lerner allerdings ist das Netz the place to be… Schwierig.
Ich halte einfach mal für mich fest, dass mein Hang zu weniger Person und mehr Inhalten nicht so ganz mehrheitsfähig ist. Trag’ ich also künftig weiter mein grünes Eimerchen mit mir rum und das Sieb, das ich gelegentlich darin ausklopfe, aber das machen wir wohl alle, wir sieben nur anderes. Ach, apropos “sieben” -
@mons7 Noch zwei Kommentare, und Du rechnest hier mit reellen Zahlen
Auch aus meiner beruflichen Sicht als Lehrerin verträgt es sich nicht Mensch und Inhalt zu teilen. Welcher Schüler riskiert nicht leichter eine falsche Antwort bzw. hat mehr Mut, wenn er den Lehrer da vorne nicht nur in seiner Fachlichkeit, sondern auch als Mensch wahrnimmt? Auch im Lehrer-Schüler-Verhältnis gehört es dazu sich mal über Hobbies etc. auszutauschen. Warum soll das in Twitter nicht ähnlich sein?
, sondern in erster Linie, weil ich mich (noch) nicht traue, meine Gedanken einfach so in die “Welt zu schreien”.Dieser “soziale Kitt” hilft, hinter aller Fachlichkeit und Professionalität, Menschen zu erkennnen. Mir fällt es dadurch leichter, öfter mal meinen Mut zusammen zu nehmen und auch den ein oder anderen Beitrag in einem Blog oder einem WIK zu leisten.
Ich befürchte, mein bisheriges Verhalten bei Twitter muss man als parasitär betrachten. Ich folge bspw. @dunkelmunkel oder @birkenkrahe …., da sie für mich interessante Links verbreiten – und das, ohne, dass ich selber was “gebe”. Aber nicht, weil ich völlig gedankenleer wäre
@daspi Ich glaube nicht, dass der Hauptgrund das bereits gewachsene soziale Netzwerk ist, weshalb “wir alle” bei Twitter bleiben. Ein weiteres Grund für mich ist der Charme der Begrenzung: Kreativ sein zu müssen, die Nachricht mit begrenzten Ressourcen zu formulieren. Und: Wären “Facebook-Walls” und “google+-Walls” möglich, wenn jeder Romane verfassen kann?
@Kristina und @Caroline Ich stimme euch zu: Die Verschränkung von “Mensch und Inhalt” ist das attraktive – nicht der reine Inhalt und auch nicht (wie ich vielleicht zu überspitzt formuliert habe) nur der Mensch. Die Kombi machts.
Aufgemerkt. Ich finde euere Diskussion weltfremd, pseudowissenschaftlich und linksverkopft. Schlussendlich überflüssig.
Hab’ gerade einen TED Talk gesehen, der meinem Verständnis nach gut hier her passt:
http://www.ted.com/talks/susan_cain_the_power_of_introverts.html