Mal abgesehen von der andauernden Bundespräsidenten-Diskussion scheint derzeit in der deutschen Bildungsblogger-Szene (wieder mal) ganz viel Harmonie zu herrschen – alle sind Freunde und haben sich im Grunde einfach nur lieb. Das ist an sich ja nichts Neues, denn darüber schreiben die aktiven Social Media-Manager (egal ob nun die mit oder ohne Zertifikat) im Grunde ständig. Ablesen lässt sich die Harmonie auch an der Diskussion rund um Prof. Spannagels kürzlichen Vortrag und die anschließende Aufarbeitung desselben.

Sinnfreies digitales Geplappere (“Baby, frischer Majoran ist echt der Kracher!” oder “Linsensuppe in the making”) bezeichnet Prof. Spannagel ja immer als “sozialen Kitt” – so auch im aktuellen Fall. Ich bin von diesem Konzept nicht so ganz überzeugt.

Kittest du noch, oder lernst du schon?

Als ich angefangen habe, mir meine Social Media-Quellen zusammenzubasteln, achtete ich bald in erster Linie darauf, diesen “Kitt” und übermäßige Selbstinszenierungen aus meinem Netzwerk raus zu halten; auch war und ist mir die Idee eines Freundesnetzes, das regelmäßig mit “Kitt” zusammengeklebt werden muss, befremdlich. So sind alle Latte Macchiato-Twitterer aus meinen Quellen verschwunden; die, die noch da sind, liefern überwiegend inhaltlichen Input und somit für mich echten Mehrwert. (Es gab da tatsächlich mal einen, der durch die Republik gefahren ist und mehrmals am Tag Bilder von den gepanschten Kaffeegetränken vertwittert hat, die er sich einverleibte, immer mit der genauen Google Maps-Angabe dazu… – ich denke, sowas muss man gar nicht weiter kommentieren, wenn man es nicht mit RTL2-Zuschauern zu tun hat, “Kitt” hin oder her.)

Ich würde meinen, soviel “Freundschaft” und “sozialer Kitt” tut gar nicht Not. Wenn ein träger Mensch von vier, fünf aktiven Menschen umgeben ist und sieht, dass diese vier oder fünf Menschen voran machen und vorwärts drängen, ist es für den Einzelnen einfach leichter, ebenfalls aktiv zu werden – Freunde oder nicht. Und so empfinde ich das Agieren einiger amerikanischer Kolleginnen auf G+ als äußerst beschwingend, ohne dass man sich groß Gedanken um die soziale Komponente machen würde. Ein “nice to have” für manche, aber kein “must have”.

Nun kann man aber ja nicht behaupten, Prof. Spannagel habe mit seinen Followern nur virtuelle Freunde – schließlich trifft sich das “Who is Who” der deutschen Bildungsblogger immer wieder mal (vielleicht bei einem Vortrag von Dueck oder beim EduCamp und dann entpuppen sich anscheinend – ob man das will oder nicht - auch auf den ersten Blick vielleicht spröde Lehrerinnen als Milchmixgetränkmöger mit gewissen Phantasien). Dass sich Freundschaften herausbilden liegt daher vermutlich nicht allein an der virtuellen Kommunikation, sondern eben auch an der realweltlichen Interaktion; beides zu konzertieren gelingt dem Zampano aus Heidelberg auf unvergleichliche Weise, mir aber fällt es dabei schwer, online- und offline-Effekte klar voneinander zu trennen.

Deswegen frage ich mich: Muss man online wirklich “Freunde” machen, um lernen zu können? Wieviel “Freund(schaft)” muss denn in einer virtuellen Beziehung stecken, deren vornehmlichster Grund das Lernen sein soll? Kann auch jemand, dem der Sinn nicht nach “Freundschaft” steht, erfolgreich im Web 2.0 lernen?

Laut Wikipedia beruht “Freundschaft” auf “Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung”. Mit den beiden letzten Begriffen kann ich noch was anfangen, “Zuneigung” aber hat in der Wikipedia leider keinen eigenen Eintrag und bleibt mir daher vorerst etwas schleierhaft. Der Duden meint, es handle sich dabei um ein “deutlich empfundenes Gefühl, jemanden, etwas zu mögen, gernzuhaben”. Mir ist das im Lernkontext meiner Wahl etwas zu dick aufgetragen und so frage ich mich weiter: Was ist mit Beziehungen, in denen zwar “Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung” vorliegt, in denen man aber nicht auch noch “Zuneigung” haben muss? Wie nennt man eine solche Beziehung? Ein “kollegiales Verhältnis” vielleicht? Ja, das ist mir angenehmer.

Kollegen statt Freunde
Ich kann auch in kollegialen Beziehungen wunderbar lernen, Lernen kommt also auch ohne “Zuneigung” aus. Warum also “Freundschaft”? Es ist ein bisschen wie beim Programmieren – je weniger Code man braucht, desto besser. Je weniger Aspekte die Definition einer sozialen Beziehung ausmachen, desto weniger fehleranfällig und nachhaltig mag sie sein. (Extrembeispiel “Liebe“: 1. positive Verbundenheit + 2. innige und tiefe Verbundenheit + 3. den Nutzwert der Beziehung übersteigend + 4. tätige Zuwendung zum anderen +5. Wertschätzung + 6. Aufmerksamkeit + 7. Zärtlichkeit + 8. … usw. – viel Platz für Sand, in diesem Getriebe.)

Nochmal kurz zum “Kitt”: Gerade in Gesprächen mit Social Media-skeptischen Kollegen und Studierenden höre ich immer wieder heraus, dass eben das eine verbreitete Befürchtung ist – dass das Engagement im Netz letztlich doch nur ein Zeitfresser sein wird, weil zu viel Unsachliches kommuniziert wird und da schrecken Salat-oder-Suppe-Geschichten tendenziell eher ab, als dass sie zum Ausprobieren motivieren. V.a. solche Kollegen, die privat ausreichend eingebunden sind (etwa durch Familie u.ä.), sind von den Vorzügen des Netzes hinsichtlich Zusammenarbeit und Lernen nicht aus dem Stand zu begeistern. Getting Things Done statt Sozialgekitte. Solche Kollegen empfinden kollektive virtuelle Umarmungen meinem Eindruck nach eher als befremdlich und “sozialen Kitt” als Interferenz, die die inhaltliche Arbeit verrauscht und soziale Energien abzieht, die man wenn überhaupt dann lieber ins RL als virtuell investiert.

Die Behauptung “Menschen sind in erster Linie nicht an Inhalten interessiert, sondern an Menschen” ist mir dann auch etwas zu pauschal. Ich werde von einigen Menschen mit für mich relevanten Inhalten versorgt, ohne dass ich wüsste, was diese Leute sich gerade kochen, welche Musik sie konsumieren und ob sie Kinder haben. Es ist mir halt auch wirklich herzlich egal und ich bezweifle, dass ich damit tatsächlich so allein dastehe. Ich respektiere diese Menschen und vertraue (zwar nicht wirklich ihnen, aber doch immerhin) ihrem professionellen Urteil. Den Unterschied zwischen einer solchen Haltung und dem, was Prof. Spannagel in seinem Blogeintrag zum Ausdruck bringt, meine ich auszumachen, wo er das schlechte Gewissen beschreibt, das er seinem digitalen Netzwerk gegenüber empfindet, wenn er bei einem Vortrag mit Twitterwall nicht genügend auf die auflaufenden Tweets eingehen konnte: “Es sind meine Freunde, und ich beschäftige mich zu wenig mit ihnen während des Vortrags.” In so eine Zwickmühle möchte ich selbst lieber nie kommen und ich bin vermutlich auch weit weg davon, weil ich zwischen einem lernenden Rhizom aus Kollegen und “Freunden” doch deutlich unterscheide. Ich möchte nicht mehr Verantwortung für die empfinden, die sich den Bobbes im Bürostuhl vor dem Computer platt sitzen als für die, die die Mühe auf sich nehmen, zu einer Präsenzveranstaltung zu gehen und ich schätze, bei mir als physisch präsentem Zuhörer käme es etwas seltsam an, wenn der Vortragende meinte, nebenbei sein digitales Netzwerk bespaßen zu müssen. Was konkret sollte für wen der Mehrwert sein? Was ist wichtiger bei einem Vortrag – die Interaktion mit dem Publikum oder das, was ohnehin von früh bis spät online durchgenudelt wird?

Web 2.0 in akademischen Vorträgen – Brecht’sches Lehrtheater 2.0

Mit einigen interaktiven Nebelkerzen lässt sich in Vorträgen sicher einiges an Bohai machen, gerade vor älterem Publikum vielleicht, gerade vor Publikum vielleicht, dass sich bisher wenig mit den Möglichkeiten des Web 2.0 beschäftigt hat. Was soll damit konkret bei wem erreicht werden? Läuft das präsente Publikum nicht Gefahr, in einem Maß absorbiert zu werden, bei dem es sich praktisch kritik- und damit folgenlos der Inszenierung hingibt? Wie bei Brechts Ausführungen zum (epischen) Theater könnte die Einfühlung in das Gezeigte und vielleicht ja auch genau die Einfühlung / “Zuneigung” (siehe oben) dem digitalen Netzwerk gegenüber der problematische Punkt sein, da sie (also die Einfühlung) nach Brecht den Blick auf Alternativen und die eigenen Bedürfnisse versperrt und damit eine konstruktiv-kritische Reflexion der dargebotenen Inhalte unterbindet. Das umschreibt grob das Gefühl, das mich etwa beim Konsum der kollektiven EduCamp-Nachlesen etc. immer wieder beschleicht.

Und um den Gedanken an Bertolt Brecht zuende zu denken: Recherchiert man in der Wikipedia zum Lehrtheater, findet man eine weitere, m.E. ebenfalls in den hier thematisierten Kontext passende Facette:

“Bewusst einfach gehalten, wendeten sich die Lehrstücke vor allem an Laien, die sich durch eigenes Spiel oder Beteiligung an Aufführungen aktiv mit Problemen der Zeit auseinandersetzen sollten.”
Und wie beim Lehrstück, so scheint mir auch das Lehrtheater 2.0 in erster Linie auf “Gemeinschaftserlebnisse” und kollektive Rundumbespaßung abzuzielen. Doch:
“Das Theater bleibt Theater, auch wenn es Lehrtheater ist, und soweit es gutes Theater ist, ist es amüsant” (Brecht, “Das epische Theater”, 1963).
Nach gut 80 Jahren ist Brechts Vision nun also in der Wirklichkeit angekommen und daher aufgemerkt und also! – Bühne frei für das “Theater für ein wissenschaftliches Zeitalter” (ibid.).