Kürzlich sah ich mir dieses Video  vom OLAT User Day 2010 an und hatte einige spontane Reaktionen. Einige davon habe ich im folgenden Beitrag festgehalten.

Datenschutz hat oberste Priorität in OLAT – wer diverse Videos, Präsentationen und Artikel dazu anschaut, kennt das. Konsequenter und bezeichnender Weise ist auch im hier behandelten Video die erste Antwort auf die Frage, warum OLAT nun mit einem ePf-Plugin aufgerüstet werden sollte: “die Sicherheit der Daten” – nicht etwa der Lerner selbst.

“A first guiding principle with the development of the Mahara ePortfolio system is that it is learner centred – a form of Personal Learning Environment. This is in contrast to the more institution-centric Learning Management System (LMS). ” (Quelle: mahara.org)

Q: “Warum ein ePortfolio in OLAT?” A: “Wegen der Datensicherheit.” Ich hätte eigentlich etwas anderes erwartet und wäre weniger überrascht gewesen, wenn man entweder aus Lernerperspektive argumentiert hätte, oder aus Perspektive des Lernens – weil man also Lernprozesse qualitativ verbessern möchte. Weil man überzeugt davon ist, dass reflexive Praxis einen positiven Effekt auf Lernprozesse hat von mir aus. Oder aus konstruktivistischer Perspektive. Oder aus der des lebenslangen Lernens. Aber gut. Datensicherheit eben. OLAT “ist nicht so leicht zu hacken”, Portfolioinhalte sind evtl. prüfungsrelevant und manchmal auch persönlich. Deswegen: OLAT.

Nur verlangt aber Portfolioarbeit bei aller Datensicherheit immer auch die Zusammenarbeit mit anderen. Die Sicht der OLAT-Gemeinde scheint sich in diesem Punkt von der anderer zu unterscheiden. Darauf, dass die US-amerikanische ePf Community of Practice derzeit u.a. überlegt, wie man den Kreis derer, die von erstellten ePfs Notiz nehmen, vergrößern könne, habe ich in meinem letzten Blog-Eintrag hingewiesen. Demnach kann ein entscheidender Faktor für effektive ePf-Arbeit sein, Rückmeldungen von einem möglichst breit gestreuten Publikum zu bekommen, da effektives Reflektieren ein dialogisches Hin und Her zwischen unterschiedlichen Perspektiven ist. Erst dadurch wird vielschichtiges Lernen ermöglicht, wobei “vielschichtig” bedeutet, dass alle am Prozess beteiligten etwas für sich dazu lernen können.

Das Einbeziehen Externer in die Evaluation des eigenen ePf funktioniert in OLAT nun wiefolgt: Der Nutzer kann Menschen, die keinen Zugang zu OLAT haben, einen Link bereit stellen, der mit einem Verfallsdatum zu versehen ist und dann vermailt werden kann. Wie gesagt hat bei OLAT oberste Priorität, dass datenschutzrechtlich alles seinen gewohnten bürokratischen Gang geht. An dieser Stelle scheint es mir angebracht, das “OLAT-Manifesto” zu zitieren, welches sich das OLAT-Team in diesem Sommer ausgedacht hat. Wenn man es vor dem Hintergrund des bereits Erwähnten liest, zeigt sich m.E. ein gewisses, komisches Moment.

Unsere Vision ist, dass Wissen geteilt wird und dass Wissen teilen einfach ist – überall, jederzeit und für alle.
Lernen ist für uns ein intellektueller, emotionaler und sozialer Prozess, der Wissen, Fähigkeiten, Verhalten, Werte und Einsichten schafft. Die Kernkompetenz von OLAT ist die Unterstützung der Lernenden und Lehrenden bei diesem Prozess; unabhängig von Ort und Zeit, sowohl individuell wie auch in Gruppen!

Ein weiteres Argument, das für den Eisatz des OLAT-ePf-Plugins ins Feld geführt wird, ist der Wunsch, das ePf solle eine in den Raum gestellte “Normalität” des LMS mitbringen, statt einfach noch ein weiteres Tool zu sein. Leider habe ich in den vergangenen Jahren höchst selten (eigentlich gar nicht) Kollegen an der Universität getroffen, für die diese “Normalität des LMS” existiert. Keiner (meiner Kollegen) nutzt OLAT. “Normalität des LMS” heißt hier: das LMS wird ignoriert. Wenn also OLAT selbst bereits den Status “noch ein weiteres Tool” für die Nutzer hat, gibt es, wenn man ePf-Arbeit betreiben will, keinen Grund, auf ein LMS zu setzen, dass die ePf-Funktionalität ohnehin lediglich als Plugin nachgeschoben hat. Mich dünkt, das wäre mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Wie nachhaltig man sich außerdem (auch das ist zu bedenken) mit der Entscheidung für ein OLAT-ePf  zum Knecht des LMS macht, wird in dem Video später noch sehr deutlich werden.

Das Internet ist voller Tools und je spezialisierter das Anliegen, desto spezieller müssen wohl auch die Werkzeuge sein. Die “Schweizer Taschenmesser”-Mentalität mag eine Strategie sein, die vorliegende Komplexität zu reduzieren, sie funktioniert aber nur, wenn man beharrlich auch einige der Möglichkeiten, die die ständige Entwicklung digitaler Technologien mit sich bringt, ausblendet. So kann ich beispielsweise natürlich zur Verwaltung meiner Literatur ein Word-Dokument anlegen, oder aber ich setze auf Endnote, Citavi, Zotero oder sonst was und vermutlich sind alle Systeme (ich kann nur für die drei genannten sprechen) besser als das “Schweizer Taschenmesser” Word.

Auch die Leichtigkeit, mit der man Studierende dank single sign-on in OLAT hineinlotsen kann, sehe ich nicht als Vorteil. Bequemer mag es sein, das ja. Vor allem aber ist es auch realitätsferner. Studierende haben i.d.R. bereits eine Vielzahl von Zugängen zu den unterschiedlichsten Bereichen des Netzes und manche werden dadurch auch multiple Charaktere pflegen. Die Fähigkeit, mit einer Vielzahl an Plattformen, Zugängen und auch Identitäten umgehen zu können, gehört zur informationstechnischen Grundbildung / digital literacy. Wenn man seine digitalen Fußspuren verschleiern will (den “Datenschutz” als Nutzer also selbst in die Hand nimmt), sind verschiedene Nutzernamen/Identitäten in unterschiedlichen Plattformen ja vielleicht gar keine so schlechte Idee. Die Universität sollte zum eigenverantwortlichen Umgang mit dem Internet befähigen, statt es zu dämonisieren und davor schützen zu wollen. Sie sollte Strategien vermitteln, die zum lebenslangen Lernen befähigen, keine Ausweichstrategien, die an der digitalen Realität vorbei gehen. Um das lebenslange Lernen scheint es bei OLAT aber ohnehin nicht zu gehen – diese Behauptung lässt sich mit unterschiedlichen Passagen aus dem Video belegen.

“It works as a user-centred, personalised learning space allowing the user to shape the way they present themselves to the world. Content and layout can be personalised to create multiple Views which meet the specific, differing or changing requirements of the user. This ties in with one of the key tenets of personalised learning, that students become key partners in the design of learning to suit their needs.” (Quelle: mahara.org)

Zunächst hat man für die Nutzung von OLAT bereits drei Partner gewinnen können, bei denen ePfs curricular verankert sind. Das heißt, es gibt feste Vorgaben, wie das ePf auszusehen hat (über die Bedeutung von Kreativität bei der Portfolio-Arbeit wurde im Rahmen der EPAC ebenfalls diskutiert, auch hier wieder mit merklich anderem Grundtenor als bei Diskussionen über ein OLAT-ePf…). Außerdem gibt es für die Studierenden feste Vereinbarungen, wann das ePf einzureichen ist und welchen Stellenwert es für die Prüfung hat. ePf erfüllen in diesem Kontext also in erster Linie einen institutionellen Zweck und dienen der Überprüfung studentischer Leistung. Dazu passt auch die frühzeitige Einrichtung eines Aufgaben-Features, über das Lehrende bequem Portfolioaufgaben an diie Studierenden weitergeben können. Wichtig ist, dass die Nutzer “funktionieren” und den institutionellen Anforderungen gerecht werden. Sicher ist das bei anderen Prüfungsarten auch nicht anders und wo Abschlüsse vergeben werden muss es eventuell auch so sein. Mir fällt an dieser Stelle des Vortrages nur auf: Die Lernerperspektive scheint hier niemanden Wunder zu nehmen (ein Helvetismus wird in einem Blog-Eintrag zum Thema OLAT ja wohl erlaubt sein ;-) ) – jedenfalls wird auf sie nicht im Detail eingegangen.
Das Maß, indem das LMS primär institutionelle Zwecke erfüllt, unterscheidet die Plattform nach Aussage der Entwickler von anderen: so sei die “Spezialität”, die OLAT von anderen Portfolio-Systemen unterscheidet, dass ich Artefakte/Ressourcen, die ich bereits in OLAT hinterlegt habe, per Button als Leistungsnachweis in mein Portfolio übernehmen kann. Da die Studierenden, mit denen ich zusammenarbeite, nicht in OLAT arbeiten und daher auch keine Artefakte und Ressourcen dort pflegen, ist das Hauptunterscheidungsmerkmal in meinem Kontext irrelevant. Ich halte fest: Portfolioarbeit in OLAT soll in erster Linie bewert- und somit für die Institution verwertbar sein, sie dient primär institutionellen Zwecken.

Da verwundert daher nicht, dass Funktionen, die allein den Nutzern zu Gute kommen, bisher eher rudimentär im OLAT-ePf-Plugin umgesetzt werden.  So ist etwa der Umgang mit tags umständlich und holzbeinig und läuft teilweise sogar dem eigentlichen Sinn und Zweck von tagging entgegen. Beispiel: Die Darstellung einer Tag-Cloud, wie sie in Blogsoftware gang und gebe ist, ist in OLAT nicht möglich. Will man dennoch einen Überblick über die Wichtigkeit einzelner Tags im seinem OLAT-ePf bekommen, muss man zunächst in einer tag-Liste diejenigen tags auswählen, die man für besonders wichtig erachtet. Bis zu zehn tags lassen sich so mit dem Attribut “wichtig” versehen. Für Nutzer, die bisher ganz natürlich mit tagging umgegangen sind, etwa bei social bookmarking-Werkzeugen wie delicious, diigo oder reddit, hält OLAT also einige Überraschungen bereit. Zukunftsweisend werden die (im Gegensatz etwa zu der bei delicious kürzlich neu eingeführten stacking-Funktion) aber nicht sein.

Auf halbem Wege erwische ich mich bei dem Gedanken, dass im Zusammenhang mit OLAT immer ganz viel über die technische Seite geredet wird und wenn man im Grunde doch mehr an der eigentlichen Portfolio-Arbeit interessiert ist, wartet man und wartet und wartet und wartet – ob da denn noch irgendwas zur Reflexion kommen möge und dazu, wie das System diese konkret zu fördern sucht, wo die Schnittstelle ist, an der die Arbeit mit der Plattform in Lernergebnisse umgewandelt wird, wie das funktioniert und wie die Kommentierung eines ePf in OLAT aussieht und vonstatten geht… Doch man wartet. Ich will aber nicht ausschließen, die richtigen Quellen dazu nur noch nicht gefunden zu haben.

Abschließend das m. E. dickste Ding. Erst einmal Luft holen musste ich bei der Antwort auf die Frage von Studentenseite, ob und wie man seine Inhalte wieder aus OLAT heraus bekäme, wenn man nun zwei, drei Jahre mit dem System gearbeitet habe und die Inhalte für die Zeit nach dem Studium mitnehmen und in andere Plattformen integrieren möchte. Eine durchaus berechtigte und auch wichtige Frage. Hier die Antwort:

Wir haben erstmal vom workflow her überlegt – was für workflows gibt es denn überhaupt in der real world und wir haben relativ schnell gemerkt, dass das was am wichtigsten ist, weil die Leute das jetzt offenbar einsetzen, ist diese Portfolio-Aufgabe, also eine relativ stark strukturierte Vorgabe. Das ist ein bisschen ein Resultat aus der ganzen Bologna Reform heraus, dass eben jetzt wieder stärker dann trotzdem  ne Struktur gewünscht wird in diesem ganzen “Jeder kann machen was er will”-Ding. Dass das eben etwas strukturierter ist. Und diese Art von Portfolio, da bin ich nicht so sicher ob man das wirklich dann das Leben lang mitnimmt, weil – also am Ende vom Studium interessiert mich nicht, was ich da im ersten Semester in mein Portfolio reingemacht habe.
Aber es ist trotzdem natürlich ne wichtige Frage. Und wir haben ursprünglich definiert, wir wollen ein Import/Export natürlich haben. Import ist in einer ersten Variante (…) file-basiert und Export wäre in einer ersten Variante auch file-basiert, dass man einfach ein zip runterladen kann und all diese Artefakte dann als pdfs vorhanden sind. Das ist also der minimalste Standard. Dann gibt’s nen anderen Standard, der jetzt auch von Mahara verwendet wird, aber bezeichnender Weise eben nur für Export und nicht für Import und das ist genau die Problematik mit all diesen tools, solang man nicht irgendwo etwas hat was wirklich alle unterstützen für Import wie auch Export ist einfach das auch ein bisschen ne Frage “Was solls dann – wenn ich’s jetzt exportieren kann in ein Format, das ich nicht weiter verarbeiten kann?” Deswegen haben wir einfach jetzt im Moment gesagt: Einfach ein zip-file mit pdfs, das ist die erste Stufe.

Ganz erstaunlich finde ich, dass OLAT einem die Mitnahme der eigenen Arbeit selbst dann verbietet, wenn man beispielsweise in Hamburg fertig studiert hat und an eine Uni weiterzieht, die ebenfalls auf OLAT setzt: selbst der Import in ein anderes OLAT ist nicht möglich!

ePortfolios “will become ever more useful as learners grow up and start moving between different types of learning and different institutions. (…) They have the potential to provide a central, linking role between the more rigid, institution-led learning management system and the learners’ social online spaces.” (Quelle: mahara.org)

Mit der Aussage ‘Am Ende interessiert mich nicht, was ich am Anfang rein getan habe.’ kann ich nichts anfangen. Von Fachleuten geäußert, die sich mit Lehr- und Lerntechnologie beschäftigen umso weniger, da fehlt mir das Verständnis. Ich habe gerade nochmal einen Blick auf den Internetauftritt der Entwickler geworfen, und vielleicht verstehe ich es jetzt besser. “Wissen vermitteln” steht da. Lehren also. Zum Lernen finde ich auf der gleichen Seite nichts. Ich hoffe, dass die Studierenden an ihrer Frage festhalten: Wie bekomme ich meine Inhalte wieder raus? Ich hoffe auch, dass sie sich an die Zusage erinnern, die ihnen vor dem Erstkontakt mit dem OLAT-ePf gemacht wird: “Das ePortfolio gehört dir!” Ich hoffe weiterhin, dass sie dieses Besitzrecht einfordern, wenn sie die Institution wieder verlassen und klar machen, dass dieses Recht auf die eigenen Daten nicht zum Tag der Exmatrikulation und mit dem Verlust des OLAT-Zugangs erlischt. Das nämlich gehört zu meinem Verständnis von Datensicherheit.

Ist nicht lebenslanges/lebensbegleitendes Lernen eines der Unterziele von Bologna und ist das Entscheidende am lebenslangen Lernen nicht die Tatsache, dass es über institutionelle Grenzen hinaus funktioniert? Wer also Bologna ernst nimmt, der muss lebenslanges Lernen ernst nehmen und wer lebenslanges Lernen ernst nimmt kann nicht behaupten, dass nach Ablauf von sechs Jahren Uni plötzlich alle Lernleistungen, die während dieser Jahre erbracht wurden, irrelevant sind. Dank vorlagengemäßer ePortfolio-Pflege, fristgerechter Einreichung und sorgsam geschützter Daten bestandene Prüfungen, erhaltene Zertifikate – das alles ist schön, lebenslanges Lernen verlangt aber mehr.