Die Inspiration für den folgenden Beitrag liefert ein Artikel von George Siemens.

Die Eingangsphase eines MOOC kann spannend und verwirrend zugleich sein. Wenn man sich zum ersten Mal auf den Seiten des MOOCs einfindet, orientiert man sich erstmal, liest die Beschreibungen der Organisatoren und meist steht auch schon einiges an ergänzenden, multimedialen Materialien zur Begutachtung bereit. So ist es auch beim #Change11, der  in der kommenden Woche (richtig) starten und bis Ende Mai 2012 laufen wird.

Viele MOOC-Newbies treten mit jener (Weiterbildungs-)Brille an die Sache heran, die sie aus anderen (meist institutionellen) Lernsituationen gewohnt sind. Wer schon ein bisschen Erfahrung im e-learning gesammelt hat, wird sich vielleicht fragen, wo die übliche Dateiengruft liegt, wo gibt’s (vielleicht gar moderierte?) Foren zur Diskussion, wo ist die Liste der zu erfüllenden Aufgaben, für die man sich Häkchen zu erarbeiten hat, wie reicht man seine erledigten Aufgaben ein und welcher Maßstab wird bei der Evaluation an die eigenen Beiträge angelegt? Wer mit diesen Vorstellungen an einen MOOC herantritt, mag zunächst mit einiger Verwirrung zu kämpfen haben, den MOOCs laufen etwas anders.

Vermutlich muss man „vom Typ her“ zum MOOC-Konzept passen: Lerner, die sich gerne an didaktisch aufbereiteten Materialien, klaren Frage- und Aufgabenstellungen und eindeutigen, zuverlässigen Rückmeldungen orientieren, könnten eventuell unzufrieden sein, denn MOOCs leben in viel höherem Maße von der aktiven Teilnahme der Lernenden. Zwar liefern die Organisatoren in der Tat auch Materialien, diese aber verstehen sich wirklich nur als Grillanzünder für Oberklassefahrzeuge einen dynamischen Austausch der Teilnehmer untereinander. Dabei setzen die Lerner jeweils ihre eigenen Schwerpunkte und Prioritäten, bringen ihre eigenen Anliegen, Kontexte und Erkenntnisinteressen ein und steuern somit den Verlauf des Kurses in weit höherem Maße, als es beim mittlerweile wohl schon als „traditionell“ zu bezeichnendem e-learning der Fall ist.

Für die aktive Partizipation steht die Wahl der Mittel den Teilnehmern im Grunde frei, wobei sich allerdings einige Werkzeuge bewährt zu haben scheinen. Zu nennen wären da wohl in erster Linie das eigene Blog, in dem man den Kursverlauf rekapitulieren und reflektieren, aber darüber hinaus bei Bedarf auch eigene Gesichtspunkte in die Diskussion einbringen kann. Beworben werden diese Beiträge dann in erster Linie wohl über Twitter, dem zweiten zu nennenden Werkzeug. Twitter ist der Kanal, in dem die Vielzahl der Beiträge zusammenläuft. Es werden Links geteilt und (im auf 140 Zeichen begrenzten Rahmen) auch anderweitig kommuniziert. Ein „Hashtag“ ordnet die einzelnen Beiträge dem jeweiligen Lernereignis zu, im Falle des Change 11-MOOC ist dies #change11. It ain’t rocket sience, is it ?!

Für die Organisatoren heißt ein MOOC im Vergleich zum e-learning natürlich in erster Linie Abgabe der Kontrolle an die Lerner – mit allen Konsequenzen. So nimmt der Kurs mitunter einen Verlauf, den die Ausrichter sich so nicht vorgestellt hatten. Als Trainer im e-learning hätte ich da jetzt sofort Angst, die Sache könnte an der Wand enden (keiner kommuniziert, niemand trägt was bei, alle haben eine Bedien-mich-Haltung und erwarten, dass ich als Trainer den digitalen Hampelmann mache, oder Leute sind nur dabei weil der Chef es so will oder weil man mit dem Zertifikat am Ende Lebenslaufkosmetik zu betreiben beabsichtigt). Nach den beschränkten Erfahrungen, die ich bisher mit dem Format MOOC gemacht habe, drängt sich mir diese Befürchtung aber nicht auf, was vermutlich an dem Aspekt der Offenheit liegt: an einem MOOC nehmen Leute teil, die Spaß am selbstgesteuerten Lernen haben, Leute, die sich gerade durch die Freiheit angesprochen fühlen, ihre eigenen Fragen zu stellen und Ziele zu setzen, Leute, die nicht angewiesen sind auf die institutionell legitimierte, leitende Hand, Leute, die sich lieber eigenverantwortlich in Grüppchen zusammen in verschiedene Gummiboote setzen, um darin dann auf dem gleichen Wildwasser zu reiten.

Als vermutlich etwas sachlichere Umschreibung dieses Bildes erwähnt George Siemens im oben erwähnten Artikel das Bild vom MOOC als Netzwerk, welches ja auch in dem vielzitierten youtube-Video zur Frage “What is a MOOC?” beschrieben wird. Innerhalb dieses Netzwerkes machen es sich die Organisatoren zur Aufgabe, die (bisweilen beeindruckend zahlreichen und qualitativ sicherlich heterogenen) Beiträge der Teilnehmer zu aggregieren und eine zentrale Anlaufstelle anzubieten, an der sich das kooperativ konstruierte Wissen versammelt. Die Aufgabe der Ausrichter ist also nicht mehr die diadaktische Aufbereitung von Materialien oder die Moderation von Kommunikation (letzteres zumindest nicht primär, bei synchronen Kommunikationsereignissen verbietet sich das natürlich nicht – ganz im Gegenteil…), sondern eher die Organisation des Austauschs. Dabei läuft nicht alle Kommunikation zwangsweise und ausschließlich über den Zentralknoten – da MOOCs ein konnektivistisches Paradigma für sich beanspruchen, werden natürlich auch zwischen den einzelnen Teilnehmern fleißig Fäden gesponnen  – etwa durch Blog-Kommentare, Tweets und Re-Tweets usw.

Gerade wenn ein offener Online-Kurs wirklich auch “Massive” ist (und im Falle des #Change11 wären dies derzeit 1300 registrierte Teilnehmer) und unter den Teilnehmern viele eifrige Produzenten sind, kann so ein Kurs brummen wie ein Bienenstock.

Gerade Lerner, die durch ihre eigene Produktivität lernen, können vom MOOC profitieren. (Schreiber des gleichen Typs beschreibt Bräuer (2009:22) als Adaptierer und Strukturschaffer, die mit einer bottom-up-Strategie an das Schreiben heran treten: solche Schreiber schreiben gleich mal frei von der Leber weg drauf los, statt erst großartig Pläne des Zieltextes zu entwerfen. Struktur entsteht für solche Schreiber durch die Aktivität – also Schreiben – und vorzugsweise durch trail and error.)  Lerner hingegen, die sich lieber an Vorgaben halten und solche, die sich in geschlossenen Lernumgebungen beim Tutor über ein “Zuviel” beklagen, weil ein Diskussionsfaden im Forum mal an die 50 Antworten provoziert hat, werden vermutlich nicht glücklich werden. (Beim #Change11 gibt es gar einen “daily newsletter” – da hätte ich in anderen Kursen die Leute lauthals protestieren gehört.)
Doch das heißt nicht, dass die, die gerne im MOOC lernen wirklich alles zu rezipieren hätten, was der Kurs an Material zu Tage fördert. Wie oben erwähnt wird beispielsweise Twitter gern für den Austausch von Links verwendet, für das Aufmerksam machen anderer Teilnehmer auf meist interessantes, nicht immer aber auch relevantes Material. Hier liegt es dann in der Verantwortung eines jeden selbst, Prioritäten und Grenzen zu setzen. Das ungute Gefühl, man könne etwas verpasst haben, muss man anfangs aushalten. Es kann aber nach einiger Zeit auch genau dieses Gefühl für die Beschränktheit der eigenen Perspektive und die Dimensionen des beackerten Feldes sein, das zu weiteren (vielleicht ja gar “lebenslangen”?) Lernaktivitäten anregt, zu einer tieferen Identifikation mit den Lerninhalten und einer höheren Befriedigung, gezogen aus dem eigenen Lernhandeln.

Rosinenpickerei – die ich in ihrem englischsprachigen Äquivalent übrigens für weitaus appetitlicher halte (*dingdingding* Birkenbihl-Bonuspoints für angewandte direkte Übersetzung) – ist also nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht und auch notwendig.

Die Organisatoren des #Change11 stellen von Anfang an klar, dass auch eine nur gelegentliche Teilnahme am MOOC absolut legitim ist – Anwesenheitspflicht gibt es keine. Nicht nur kann man entscheiden, was man liest und was nicht, welchem Link man folgt und welchem nicht, an welchem Hangout man sich beteiligt und an welchem nicht, sondern auch das Ignorieren ganzer Themenwochen ist im MOOC in Ordnung, wenn die eigenen Prioritäten anders liegen. Und das, so dünkt mir, wird bei mir gelegentlich der Fall sein und irgendwann wird auch nebenbei noch genug zu tun sein, um auch ohne #Change11 keine Langeweile zu haben (WS vorbereiten, WS durchführen, Weiterbildung, DGFF, #ecbi11 – geh ich nu hin oder nicht, Campus Innovation, gelegentliche Webinare und Kolloquia… ihr kennt das ja).

Ein weiterer Vorteil kann sein, dass im MOOC Gruppendynamiken entstehen können, die Leute mit ähnlichen inhaltlichen Interessen und Haltungen verbindet, unabhängig von deren raumzeitlicher Präsenz. Wenn mich am Kursthema besonders der (vielleicht etwas spezielle) Aspekt XY interessiert, finde ich im MOOC nicht selten Leute, die sich entweder gerade mit denselben Fragen beschäftigen oder sich vielleicht schon damit beschäftigt haben und die sind es dann, die meine Rezeption und Produktion beeinflussen, währen die Beiträge anderer Teilnehmer ihrerseits von anderen Mitlernern aufgegriffen und diskutiert werden. Lernergruppen können sich beim MOOC also primär aufgrund (mitunter auch recht partikularer) inhaltlicher Interessen und Anliegen bilden und nicht, weil eben zufällig mal alle im Grunde wahllos zusammengewürfelten Teilnehmer, zur gleichen Zeit am gleichen Ort, an der gleichen Institution denselben Kurs belegen. Zu diesem Zwecke wird man beim #Change11 “sub-groups” einrichten, denen man sich anschließen kann – eine deutschsprachige Teilnehmergruppe scheint da doch besipielsweise sinnvoll. Darüber hinaus wachsen bei einem MOOC natürlich auch informelle “Einsatzgruppen”, die keines Eingreifens seitens der Organisatoren bedürfen. Ich würde meinen, dass in solchen Lernergruppen eine ganz andere Art von social bonding vorliegt, als in herkömmlichen Kursen.

Im Zusammenhang mit #change11 interessieren mich v.a. Fragen wie die folgenden (Aufzählung nicht geschlossen):

  • Was macht Mehrsprachigkeit mit dem Lernerlebnis – ist sie ein zusätzlicher Aufwand, wie dieser Tweet nahelegt, oder lässt sie sich produktiv nutzen? Ich wäre wirklich ausgesprochen interessiert an Meinungen und Erfahrungen hierzu.
  • Sind MOOCs nur für ohnehin lernaffine Lerner geeignet? Wie können auch weniger Motiverte und Social Media-Abstinenzler von dem Format profitieren?
  • In welchen Formen lässt sich die universitäre Lehre mit MOOC-Elementen bereichern?
  • Und natürlich immer latent Fragen aus der Literacy Management-Perspektive… MOOCs und Schriftsprachenerwerb? MOOCs und Wissensmanagement? etc. pp.

So, und abschließend noch die wie ich finde sehr hilfreichen neun Punkt von George Siemens zur Teilnahme an einem MOOC, die ich mir im Folgenden nicht selbst ausdenke, sondern lediglich (unverschämt frei) aus dem Englischen übertrage:

1. Eigene Ziele setzen. Wann erachtet man selbst die Teilnahme am MOOC als “erfolgreich”?

2. Selbstdefinition. Wer bin ich, was interessiert mich, wo findet man mich (Nutzernamen für diverse social media tools)?

3. Zeitmanagement. Wieviel Zeit kann ich täglich erübrigen? (Ein MOOC saugt einen gerne auf wie Muttis Kobold von Vorwerk…)

4. Netzwerken. Wer ist noch unterwegs? Das Interessante ist: bei aller Selbstbestimmung ist genau dies der kritische Punkt am MOOCen…

5. Wissensorganisation. Wie gesagt: es droht der Information Overload. Was sind meine Strategien und Werkzeuge, um dem Herr zu werden? Finde ich persönlich einen sehr interessanten Punkt. George Siemens Beispiel findet sich hier.

6. Beitragen und teilen. Bloggen, twittern, audiobooen, youtuben, mindmeistern,  diigoen, wikien, flickrn, etherpaden, facebooken, g+en, hangouten, stumbleuponen, ustreamen,  scribden, slidesharen, googlegroupsen – you name it, you do it. Im MOOC werden sich Leute mit unterschiedlicher Erfahrung als autonome Lerner einfinden. Einige betreiben das seit Jahren, andere werden gerade erst damit anfangen. Jeder teilt das, was er gerade hat, jeder bringt sich dort ein, wo er gerade steht und er wird in den meisten Fällen feststellen, dass, wo es einem gefällt, sich alsbald auch andere einfinden.

7. Fehlendes ergänzen. Deren MOOC ist dein MOOC.

8. Erwartungshaltung überdenken. It’s not size that matters. Gerade George Siemens weiß, wovon er spricht und einigen Lesern werden auch die Erfahrungen von Christian Spannagel bestens bekannt sein. Der Punkt ist: man braucht kein großes Netzwerk, man braucht ein funktionierendes Netzwerk. Man braucht nicht viele Kommentare zu einem Beitrag, man braucht gute Kommentare. Bis zum Gefühl der inneren Taubheit Facebook-Freunde adden war gestern. Heute sind wir schlauer und ab heute wird gelernt.

9. Ausdauer. Der Prüfstein soll sein: drei Monate lang täglich twittern, ein Blog-Post pro Woche (die nehmen um einiges mehr Zeit in Anspruch als ein Tweet oder ein Beitrag auf G+…) und drei Kommentare zu Blogbeiträgen anderer. Und das drei Monate lang ernst nehmen. Wir werden ja sehen, was dabei raus kommt.

Literatur:
Bräuer, Gerd (Hg.) (2009): Scriptorium. Ways of interacting with Writers and readers ; a professional development program . 1. Aufl. Freiburg, Br: Fillibach-Verl.